Krieg und Notzeiten

Kriege, Armut, Hunger — Wie Otto Harders berichtet, war die „gute alte Zeit“ bei näherem Hinsehen nicht immer frei von Not und Elend.

Das gilt auch für Reinbek, obwohl es im Zeitraum von 1880 bis 1930 eine relativ beständige Entwicklung vom landwirtschaftlich dominierten Gemeinwesen zum Erholungsort, Villenvorort und zur Handwerker- und Dienstleistungsansiedlung durchmachte. Die immer schon große Anzahl der Berufspendler, die in Reinbek wohnten und in Hamburg ihrem Broterwerb nachgingen, bewirkte, dass auch die sozialen Auseinandersetzungen und die Nöte der Großstadt nach Reinbek ausstrahlten.

In der Zeit bis 1914, dem Ausbruch des 1. Weltkrieges, war das soziale Netz sehr dünn. In Not geratene Familien oder Einzelpersonen erhielten nur insoweit Unterstützung, als man sie vor dem Verhungern oder Erfrieren bewahrte. Die härteste Lösung war die Einweisung in das Werk- und Armenhaus des Gesamtarmenverbandes Reinbek, das auf Lohbrügger Gelände lag und vom Lohbrügger Bürgermeister verwaltet wurde. Betteln wurde mit Gefängnis bestraft. Darauf folgte dann oft noch ein längerer Aufenthalt in Polizeigewahrsam. Der Spruch „Armut macht rechtlos” hatte konkrete Bedeutung: Das preußische 3-Klassen-Wahlrecht galt auch für die Gemeindevertretung. Wahlberechtigt waren nur Grundbesitzer mit eigenem Hausstand. Diese waren nach ihrem Steueraufkommen in drei Wählerklassen eingeteilt. Daraus folgte, dass die Stimmen der Großverdiener mehrfach so stark waren wie die der Leute mit geringen Einkünften. Wer aber der Gemeindekasse schon einmal zur Last gefallen war, d.h. Unterstützung bezogen hatte, hatte damit auch sein Wahlrecht verloren.

Der Weltkrieg von 1914 bis 1918 brachte dann Nöte und Sorgen in einer zuvor nicht erwarteten Dimension. Väter und Söhne wurden zum Kriegsdienst eingezogen, und die Kämpfe im Osten und an der Westfront, in Italien und auf dem Balkan waren sehr verlustreich. „Wir siegen uns zu Tode” hieß es bald. Der schnelle Sieg über die Alliierten wurde nicht erreicht. Wenn dann die Frontkämpfer einen kurzen Heimaturlaub hatten, mussten sie feststellen, dass zu Hause die Frauen und Kinder unterernährt waren und dass es an Kleidung und Feuerung fehlte. Das Brotgetreide wurde nicht allein für die kämpfende Truppe benötigt, sondern auch für deren Pferde, die ja damals das bedeutendste Transportmittel waren. Die Lebensmittelzuteilungen wurden immer geringer, und sehr oft konnte das, was auf den Lebensmittelkarten aufgerufen war, nicht geliefert werden. Die Gemeinde Reinbek versuchte deshalb, selbst Nahrungsmittel zu beschaffen und sie zu verteilen. Sie nahm auch Anleihen auf, um die Angehörigen der Soldaten unterstützen zu können. Der Kreis der Notleidenden war ungleich größer geworden, und auch gutsituierte Kreise gehörten dazu. Die Zeitungen berichten von immer neuen Aufrufen, Kriegsanleihen zu zeichnen, barfuß zu gehen oder bestimmte Kleidungsstücke zu spenden. Gerichtlich bestraft wurden z.B. ein Bauer, der seine eigene Schrotmühle in Betrieb nahm und so die Rationierung umging, und ein Arbeiter, der einem Kind ein Brot weggenommen hatte.

Mit der Novemberrevolution und dem Ende der Kampfhandlungen im Jahre 1918 war die Not aber noch nicht vorbei. Gravierend war der Hunger: Die Arbeiterräte, die sich überall, auch in Reinbek, gebildet hatten, setzten ihre Macht primär dafür ein, dass die wenigen Lebensmittel erfasst und kontrolliert ausgegeben wurden. Im März 1919 wurden zum Beispiel im Milchwagen des Gutes Glinde 8 Pfund Butter beschlagnahmt, die unzulässigerweise hergestellt und somit der Milchversorgung der Kinder entzogen worden waren. Im Dezember 1918 war eine Stromsperre für die Zeit nach 23.00 Uhr verkündet worden; in jedem Raum durfte nur eine Glühbirne brennen.

Auch mit der Etablierung der Weimarer Republik waren noch nicht alle Sorgen behoben, zumal Reparationszahlungen, Spartakistenaufstände, Kapp-Putsch, Inflation und Weltwirtschaftskrise mit Arbeitslosigkeit eine geregelte wirtschaftliche Entwicklung nicht zuließen.

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