Nachwehen

Erst ein Jahrzehnt nach Kriegsende kamen die letzten Soldaten aus russischer Kriegsgefangenschaft frei. Was das für alle Beteiligten bedeutete, lässt sich heute nur erahnen. Hans-Peter Bünger erinnert sich:

Es war etwa 1953/54. Ich war im 2. oder 3. Jahr auf der Mittelschule in Hamburg-Bramfeld. Der Krieg war für uns Kinder weitgehend vergessen. Nur einige Ruinen, die immer noch da waren, wenn wir nach Hamburg hinein fuhren, erinnerten an schlimme Zeiten. Im Schulunterricht wurden wir jedoch immer wieder an den Krieg erinnert. Wir hatten eine strenge Lehrerin. Sprachen, Literatur und Geschichte waren ihr außerordentlich wichtig. Soweit ich das aus ihren wenigen Bemerkungen verstanden habe, denn deutlich gesagt hat sie das nie, war sie eine Kriegerwitwe, deren Mann als Offizier in Stalingrad gefallen war. Die NS-Zeit wurde im Geschichtsunterricht ausführlich aufgearbeitet und immer wieder wurden wir auf die Gräuel dieser Zeit hingewiesen. Ihr Spruch war: ‘Das steht zwar nicht im Lehrplan, aber ich bin der Meinung, ihr müsst das wissen’. Und dann war da noch Günter, der einzige Mitschüler, dessen Vater noch in russischer Kriegsgefangenschaft war.

Regelmäßig kam die Frage von Frau H.: ‘Habt Ihr schon etwas von deinem Vater gehört?’ und immer hieß es: ‘Nein, wir wissen nur, dass er im Lager x-y ist und lebt.’

Und eines Tages hieß es: ‘Wir haben die Nachricht, mein Vater wird entlassen, aber wann er kommt, steht noch nicht fest.’ Von da an wurde fast täglich gefragt, ob bereits ein Termin genannt wurde. Günter fehlte in der Zeit des Öfteren. Das war die Zeit für unsere Lehrerin, mit uns übrigen Mädchen und Jungen Pläne zu machen. Es wurde beschlossen, dass die ganze Klasse, wir waren knapp 40 Kinder, zum Empfang auf den Hauptbahnhof gehen sollte. Irgendwann erzählte Günter: ‘Mein Vater kommt.’

Am besagten Tag fanden wir uns zur angegebenen Zeit auf dem Hamburger Hauptbahnhof ein. Der Bahnhof war schwarz von Menschen und wir hatten große Mühe, uns auf den Bahnsteig durchzukämpfen. Wir blieben deshalb auf einer der Treppen stehen, die auf die Bahnsteige hinab führten. Die Ankunftszeiten der Heimkehrerzüge wurden in der Presse veröffentlicht. Viele Menschen gingen auch ohne Benachrichtigung auf den Bahnhof, immer in der Hoffnung, der vermisste Angehörige könnte doch dabei sein oder man könnte zumindest etwas erfahren, indem man die Heimkehrer befragte. Immer wieder wurden Verspätungen gemeldet und die Menschen wurden zunehmend unruhiger.

Endlich lief der Zug ein und es ging ein Aufschrei durch die Menge. Was sich dann abspielte, vergesse ich nie: Die mageren, verhärmten Personen, die diesem Zug entstiegen, sahen furchtbar aus. Einige konnten kaum noch laufen und wurden von Rot-Kreuz-Schwestern gestützt, andere gingen an Krücken. Es spielten sich unbeschreibliche Szenen ab.

Man rief, besser man schrie Namen, Menschen fielen sich in die Arme und andere brachen zusammen. Wieder andere versuchten, die Ankömmlinge nach vermissten Angehörigen auszufragen, um etwas über deren Verbleib zu erfahren, und drängelten sich dabei rücksichtslos zwischen die Menschen, die sich gerade gefunden hatten. Es herrschte ein heilloses Durcheinander. Erst nach geraumer Zeit leerte sich der Bahnsteig langsam. Zurück blieben die vielen furchtbar Enttäuschten, die sich darüber klar wurden, dass ihr Angehöriger wieder nicht dabei war. So erging es auch der Familie unseres Klassenkameraden Günter. Ein oder zwei Wochen später ist der Vater dann doch endlich gekommen, ebenso verhärmt und von Entbehrungen gezeichnet wie all die anderen, die so viele Jahre für Hitlers Verbrechen büßen mussten. Wir sind nicht noch einmal zum Hauptbahnhof gefahren.

Wenn ich mir diese Bilder aus der Schulzeit vor Augen führe, überkommt mich immer noch das Grausen. Diese Menschen kamen aus einer anderen Welt. Sie hatten fast zehn Jahre gelitten und geschuftet ohne zu wissen, was mit ihren Angehörigen zu Hause los ist und ob man sie überhaupt noch einmal sehen würde. Sie kamen in eine Welt, der man kaum noch Wunden ansah, in der man den Krieg schon fast vergessen hatte und in der das Wirtschaftswunder bereits begonnen hatte. Für viele von ihnen muss das ein Schock gewesen sein.“

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