Einkaufen in Reinbek nach dem Krieg

Sahne, Butter und Bonbons, Käse, Wurst und Karpfen. Was es wo von wem zu kaufen gab, erzählt Rosemarie Busse geb. Fiedler:

Nach der Flucht bewohnten wir in der Bahnsenallee in einer Villa ein Zimmer unter dem Dach. Einkaufsmöglichkeiten gab es nur in Reinbeks Ortsmitte. Das waren weite Wege für kleine Kinderfüße.

Da war in unserer nächsten Nähe das Geschäft Rathmann, das in der Adventszeit ein Schaufenster mit Märchenfiguren dekorierte, jedes Jahr kam ein anderes Märchen dran. Der November war ein dunkler Monat. Nur die Straßenlaternen gaben ein mageres Licht. Am 1. Advent aber gingen wir nach dem Kaffeetrinken zur Bahnhofstraße und standen staunend vor dem beleuchteten Märchenfenster bei Rathmann. Dann wussten wir: Nun wird es von Woche zu Woche immer ein wenig heller und dann ist endlich Weihnachten! Noch heute denke ich gern daran zurück und freue mich, dass die Märchenfiguren nach wie vor dort in der Weihnachtszeit aufgestellt sind.

Ganz besonders erinnere ich mich an den Milchmann Dietz, der oben an der Ecke Mittelweg (heute Herzog-Adolf-Straße) und Ladestraße in einem Flachdachbau seinen Laden hatte. Wir gingen nicht gern zu Herrn Dietz, denn er musste uns immer aufziehen mit seinen Bemerkungen. Holten wir einen halben Liter flüssige Schlagsahne, dann sagte er: ‘Das wollt Ihr doch nicht etwa allein essen?’ Oder er fragte immer wieder nach, ob die Menge Butter oder Käse nicht zu viel oder zu wenig sei. Wir waren so erzogen, Erwachsenen gegenüber keine Widerrede zu haben und ließen uns immer wieder einschüchtern. Wenn es uns irgendwie gelang, machten wir einen großen Bogen um den Milchmann Dietz. Schön war nur, dass wir Milch aus großen Kannen mit einem Messbecher in unsere Emaillekanne gefüllt bekamen. Auf dem Heimweg schleuderten wir oft die Kanne. Das musste so schnell gehen, dass kein Tropfen Milch heraustropfen konnte. Manchmal zankten wir uns auch, weil jede von uns die Kanne zuerst schleudern wollte.

Anfang der 50er Jahre wurde in den Arkaden die Butter-Hammonia eröffnet. Große Batzen unterschiedlicher Butter lagen auf einer Ablage. Man nannte als Kunde die Menge und die Sorte, dann wurde von der Verkäuferin mit zwei ‘Holzklatschern’ die Butter abgestochen und solange geklopft, bis daraus ein schönes rechteckiges Stück entstanden war. Das wurde dann in Pergamentpapier verpackt. Es war immer toll anzusehen, wie die Butter so geformt wurde.

Das Kuchenbacken war damals für uns eine Wissenschaft für sich. Wir hatten in unserem Zimmerchen keinen Herd, in dem auch gebacken oder gebraten werden konnte, sondern nur eine einfache Hexe (das ist ein rundes Öfchen). Unsere Kuchen brachten wir also zum Backen zur Bäckerei Nagel. Unsere Mutter rührte den Teig an, füllte ihn in eine Backform und dann kam ein Tuch darüber. Damit zogen wir los zum Bäcker — 1/2 Stunde über Sandwege. Bei Nagel kam eine Marke mit Nummer auf den Teig, einen Abschnitt davon bekam man mit. Nach einigen Stunden konnte man dann seinen gebackenen Kuchen abholen. Einmal wurde unser Kuchen vertauscht, was wir Kinder aber nicht bemerkt hatten. Unsere Mutter hat sich ziemlich darüber aufgeregt, weil sie eine Sandtorte mit viel Butter und noch mehr Eiern eingerührt hatte und wir mit einem einfachen Puffer in einer zerbeulten Form zurückkamen. Wir mussten wieder zurück zu Nagel, aber unser Kuchen hatte wohl inzwischen einen neuen Besitzer gefunden!

Das Einkaufen war für uns Kinder eigentlich immer aufregend. Beim Fischmann Studt schwammen Karpfen in einem Becken, die wir mit mitleidigen Worten überschütteten und uns schworen, nie einen Karpfen zu essen. Die Karpfen nahmen das stumm zur Kenntnis.

"Lebende Karpfen vorzüglichster Qualität"
„Lebende Karpfen vorzüglichster Qualität”

Oben am Schmiedesberg war der Schlachter Troll. Dort hingen geräucherte Würste und Schinken. Manchmal bekamen wir eine Scheibe Wurst. Das war dann etwas ganz Besonderes.

Schlachter Leopold Troll
Schlachter Leopold Troll

Vor der Währungsreform (1948) musste man lange anstehen, oft, um nur ein paar Knochen für eine Steckrübensuppe zu bekommen. Manchmal hatte man auch Pech und es gab nichts mehr zu kaufen, wenn man endlich an der Reihe war. Dann versuchte man sein Glück am nächsten Tag wieder.

Spannend war es auch immer, beim Kaufmann Leicht einzukaufen. Alles wurde in spitze oder rechteckige Papiertüten geschüttet, abgewogen und über den Ladentisch gereicht. Gurken und Sauerkraut war in Fässern. Und Bonbons waren in einem Glas mit Öffnung und wurden einzeln verkauft.

Viele Dinge habe ich im Laufe der Jahre vergessen, die meisten Läden gibt es schon lange nicht mehr. Eines weiß ich aber, das Einkaufen war damals nicht so anonym wie heute. Man hatte Zeit und kannte sich in Reinbek.“

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