Unsere Kindheit in Reinbek-Prahlsdorf

Zum 60. Geburtstag seiner Schwester Käte (geboren 1937) erinnert sich Otto-H. Harders an die gemeinsame Kindheit: an nackte Hinterteile für Bombenflieger, Verfolgungsjagden mit Alliierten und — Wurmbefall:

Liebe Käte! Unsere Hausgemeinschaft in der Schützenstraße 42 bestand aus mehreren Familien, aber nur unsere eigene Familie möchte ich hier vorstellen, um dann ein paar gemeinsame Erlebnisse aus unserer Kinderzeit anzusprechen.

Da war unsere Mutter. Sie hatte Nähen (nicht Schneidern) und Bügeln gelernt und dann einige Jahre in einem sehr vornehmen Villenhaushalt gearbeitet. Nach ihrer Hochzeit widmete sie sich ausschließlich ihrem Haushalt und uns beiden Kindern. Zur Haushaltsführung gehörten auch ein großer Garten und die alljährliche Aufzucht eines Schweines, das nicht nur gefüttert, sondern auch ausgemistet und gestreut werden musste. Der Schweinestall befand sich in einem Anbau, in dem auch die Plumpsklosetts ihren Platz hatten. Unsere Mutter war es, die uns bei den Schularbeiten half und den notwendigen Druck dahinter setzte, dass wir sie überhaupt machten.

Unser Vater war Zimmermann, hatte aber in Notzeiten auch als Telegrafenarbeiter, Hafenarbeiter und Müllwerker gearbeitet. In seinem ganzen Berufsleben war er nur zwei Wochen lang arbeitslos. Er konnte sehr drastisch sein, aber auf seine Familie ließ er nichts kommen. Papa war stolz darauf, dass seine Frau während aller Ehejahre keine Erwerbsarbeit annehmen musste. Unser Vater war von 1940 bis 1945 im Krieg, und ganz fertig ist er mit seinen Erlebnissen nie geworden. Dann war da Oma Mile — Emilia heißt das auf Hochdeutsch -, Papas Mutter, eine verbitterte Frau, die in ihrem Leben wenig Freude gehabt hatte und die wohl deshalb wenig Verständnis dafür hatte, wenn sich andere freuten. Schon im Alter von zehn Jahren hatte sie ihren Lebensunterhalt selbst verdienen müssen.

Ich war sechs Jahre alt, als Du geboren wurdest. Der 5. Januar 1937 fing für mich so an: Als ich aufwachte, war in unserer Küche nicht Mama, sonder Oma Mile. Oma erzählte mir, dass mir der Storch eine kleine Schwester gebracht habe, und dass der Storch Mama ins Bein gebissen habe, weshalb sie für ein paar Tage ins Krankenhaus gekommen sei. Ich war skeptisch. Irgendwann habe ich Dich dann auf der Entbindungsstation des St. Adolf-Stiftes hinter Glas gesehen. Als Papa und ich Euch beiden ein paar Tage später per Taxi abholten, war Glatteis. Die Ordensschwester, die Dich trug, stürzte auf der Außentreppe des Krankenhauses und tat sich sehr weh. Dich hielt sie aber so, dass Du nichts abbekamst. Wie Papa im Alleingang zum Standesamt Dir den alleinigen Vornamen Käte verpasste, was Du ihm noch lange nachgetragen hast, das weiß ich nur vom Hörensagen.

Bei Kriegsbeginn wurde auf dem Feld hinter unseren Grundstück eine Luftabwehrstellung mit einem Scheinwerfer und einem Horchgerät eingerichtet, und die Soldaten holten jahrelang Wasser von der Pumpe auf unserem Hof. Du kanntest sie bald alle mit Namen. Am liebsten war Dir aber der Hund der Einheit, eine Promenadenmischung mit Namen Struppi.

Unsere engere Familie kam ohne Verluste über den Krieg und deshalb lassen sich auch einige Begebenheiten leichter erzählen. Nach dem Luftangriff auf das Heereszeugamt in Glinde hatte Mama mir verboten, hinzugehen, und das mit gutem Grund. Es lagen Blindgänger und Zeitzünderbomben herum, und Tote und Verwundete hatte es auch gegeben. Dir hatte sie es nicht verboten, also warst Du hingelaufen. Immerhin warst Du schon sieben Jahre alt. Eines Nachts waren wir nicht in unseren Luftschutzkeller — so nannten wir Omas Kellerküche — gegangen, als ein Tiefflieger die ScheinwerfersteIlung beschoss und die Leuchtspurgeschosse am Fenster vorbei flogen. Mama zog Dir Deinen Mantel über, um so in den Keller zu fliehen. Dann scheuchte sie mich hoch. Inzwischen hattest Du Deine Sachen wieder ausgezogen und Dich wieder hingelegt.

Ein anderes Mal, schon gegen Kriegsende, sammelten wir im Vorwerksbusch unten bei der Liebesbuche Holz. Du hattest Dich gerade ein Stückchen entfernt, weil Du müssen musstest, als uns Tiefflieger beschossen. Wie wir es gelernt hatten, gingen wir in ‘Fliegerdeckung’, wobei Du keine Zeit hattest, deine Kleider zu ordnen. Weil nichts Schlimmes passierte, konnten wir hinterher darüber lachen, dass Du den Fliegern Dein blankes Hinterteil gezeigt hattest.

Kurze Zeit nach Kriegsende — von Papa hatten wir noch keine Nachricht — nahm ich Dich mit nach Glinde zum ausgebombten Heereszeugamt, um dort Motorradbrillen und sonstiges wertloses Zeug einzusammeln — man könnte es ja mal gebrauchen. Weil aber plötzlich Warnschüsse abgegeben wurden, ließ ich Dich bei anderen Kindern in der Feldmark zurück und ging alleine an den Zaun. Plötzlich waren britische Soldaten da. Nur weil ich eine Verfolgungsjagd durch halb Glinde bestand — so viel Sportlichkeit hatte ich mir gar nicht zugetraut — entging ich einer Festnahme. Dich fand ich später wieder dank Deiner Gabe, laut, ausdauernd und durchdringend zu schreien. Wie ich noch später erfuhr, hattest Du mit diesem Geschrei auch zwei weitere Briten in die Flucht geschlagen.

Papa kam noch 1945 zurück, aber die Notzeit, die bekanntlich kein Gebot kennt, dauerte an. Das ‘Organisieren’ war zum Überleben notwendig. Der Rest der Familie konnte auf abgeernteten Feldern nicht so viele Kartoffeln nachhacken, wie Du als kleinste und unauffälligste der Familie in einen betont kleinen Spankorb ‘vorhacktest’. Als in der Kückallee ein Baum gefällt wurde und Du vom Schulunterricht kamst, bliebst Du so lange dabei stehen, bis ein größerer Zweig abgesägt war, mit dem Du dann weggelaufen bist. Du bist dafür gelobt worden, das ist das Schlimme.

Irgendwann nach 1948 musstest Du eine Wurmkur im Kinderkrankenhaus Rothenburgsort machen. Damals gab es in Reinbek noch keine Stadtentwässerung, und die Fäkalien mussten als Dung aufs Gartenland verbracht werden. Durch die wohnungsnotbedingte Überbelegung des Hauses mit 24 Personen und durch die Inanspruchnahme des Gartens für den Nahrungsmittelanbau war der Kreislauf so kurz geworden, dass die ausgeschiedenen Wurmeier gleich wieder für eine neue Ansteckung sorgten. Beinah hätten Dich also die Würmer aufgefressen.

Das Jahr 1953 brachte für uns beide große Veränderungen. Ich steuerte den Hafen der Ehe an und verließ das Elternhaus. Eine der Brautjungfern war meine Schwester Käte. Etwa von diesem Zeitpunkt an galt meine Schwester zu Hause als bedingt erwachsen und nutzte das auch weidlich aus. Aber das ist eine ganz andere Geschichte, die ich hier nicht erzählen will.

Liebe Schwester! Ich hoffe, dass ich auch bei Dir die eine oder andere Erinnerung an Reinbek und die Schützenstraße wachgerufen habe, und mehr war auch nicht beabsichtigt.“

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