Der Reisigbesen

Hexen reiten auf ihm, Schornsteinfeger fegen mit ihm und für die Einfahrt gibt er auch was her — der Reisigbesen. Eckart Bünning erzählt von einem oft übersehenen Werkzeug:

ReisigbesenSchornsteinfeger war mein Beruf. In den Häusern, die mit einem Strohdach gedeckt waren, mussten aus Gründen des Brandschutzes weite, von innen besteigbare Schornsteine eingebaut werden. Durch eine kleine Tür an der Schornsteinsohle stiegen wir in den Schornstein hinein und stemmten uns dann mit Fersen, Knie und Gesäß Stück um Stück nach oben bis zur Schornsteinmündung über dem Dach. Zum Fegen hatten wir einen eng gebundenen Reisigbesen an einem kurzen, etwa 60 cm langen Stiel. Während des Aufstieges wurde der Ruß von der vor uns und der rechts von uns liegenden Schornsteinwand abgefegt. Oben angekommen, schnappte man erst einmal frische Luft, dann drehte man sich um 180 Grand, und beim Herabfahren wurden wieder die Wände vor und rechts von uns gekratzt.

Die Besen mussten wir uns selber binden. Auf dem Nachhauseweg von der Arbeit wurde in einem Knick das passende Birkenreisig geschnitten. Es musste zwar verzweigt, aber schön gerade sein. Für die Besen war ja in den nur 47 x 47 cm weiten Schornsteinen nicht viel Platz. Stiele hatten wir uns bei einem Stellmacher aus Eschenholz anfertigen lassen. Sie hielten viele Jahre. Die Besen wurden nach Feierabend gebunden. Jeder Geselle hatte den Ehrgeiz, die Bänder möglichst kunstvoll zu gestalten.

Meine Fertigkeit, das Binden von Reisigbesen, kam mir im Arbeitsdienst im 2. Weltkrieg gut zupass. Wir lagen bei Osnabrück und bauten die Rollbahn für einen Flugplatz aus schwerer, scharfkantiger Hochofenschlacke. Es war eine Schinderei, sie aus Eisenbahnwaggons auszuladen und auf Schiebkarren weiter zu transportieren. Eines Morgens hieß es auf dem Appellplatz: „Wer kann Reisigbesen binden?“ Ich meldete mich natürlich sofort, und ein weiterer Kamerad fand sich. Er war ebenfalls Schornsteinfeger. Wir bekamen den Auftrag, im nahegelegenen Wald Birkenreisig zu schneiden und Besen zu binden. Das haben wir gerne gemacht und so wenig Besen gebunden, dass wir wochenlang damit beschäftigt waren. Eines Tages fiel dann unser Nichtstun auf.

Reisigbesen spielen im Volksglauben eine große Rolle. Man sagt, dass sie als „Donnerbesen“ oder „Gewitterquast“ vor Donner und Blitzschlag schützen. Die Hexen benutzen sie auf ihrem Ritt durch die dunklen Nächte. Sie verwehren aber auch den nicht wohl gesonnenen Geistern den Zutritt zum Haus und wehren Gefahren ab. Mancher abergläubische Hausierer kommt nicht an die Tür, wenn dort ein Reisigbesen steht.

Als Tochter und Schwiegersohn ein Haus bauten, fand sich keine Wand, an der man aus Klinkersteinen einen Besen darstellen konnte. Besen, Lebensbäume oder Glücksmühlen sind häufig im Mauerverband dargestellt. Ich besann mich dann auf meine besenbinderischen Fähigkeiten und habe einen Reisigbesen gebunden und zum Einzug vor die Tür gestellt.

Für mich selbst habe ich auch einen Reisigbesen gebunden. Er steht mit nicht ganz uneigennützigen Wünschen vor der Tür und wird zum Fegen der Fußwege benutzt. Ich machte die Erfahrung, dass der Reisigbesen gegenüber einem handelsüblichen Borstenbesen viel besser Laub und Schmutz aufnimmt und möchte ihn nicht missen.

Auf dem Lande war früher wohl in jedem Haus ein Reisigbesen in Gebrauch. Man hat ihn selber hergestellt oder beim Krämer oder im Landhandel gekauft. Der Wagen, der früher mit Leitern aus Holz von Haus zu Haus fuhr, hatte ebenfalls Besen. Das erwerbsmäßige Besenbinden war Saisonarbeit. Im Winter, wenn auf dem Bau oder in der Landwirtschaft keine Arbeit war, fanden sich Leute, die passendes Reisig schnitten und in größerer Anzahl Besen herstellten und sie an Landhändler verkauften.“

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