Das „einfache“ Leben in früheren Zeiten: Nutztiere

Gudrun Schmidt erzählt von der Tierhaltung zur Zeit ihrer Kindheit. Damals waren Tiere nicht Hobby oder bloßer Zeitvertreib, sondern sie hatten einen ganz bestimmten Nutzen. Den lernte man von klein auf:

Während meiner Kindheit ging man mit Geld sehr vorsichtig um. Zumindest bei uns auf dem Dorf war es selbstverständlich, vor allem das zu essen, was man selbst anbauen, züchten, verarbeiten, konservieren konnte. Nur das Allernötigste wurde gekauft. Krieg und Nachkriegszeit verstärkten natürlich — gezwungenermaßen — diesen Trend, der eigentlich gerade allmählich zu schwinden begonnen hatte.

So sah es unsere Großmutter gar nicht gern, wenn wir Kinder die wenigen Pfennige, die uns mal zugesteckt wurden — Taschengeld gab es natürlich noch keins — für Süßigkeiten ausgeben wollten. Das war für sie unverzeihliche Verschwendung! Sie gab uns hin und wieder ein Stückchen Würfelzucker — das genügte! Geld gab man nicht aus — das sparte man! Dafür hatten wir unsere kleinen Spardosen. Irgendwann würden wir froh sein, einen ‘Notgroschen’ zu haben!

Heute verstehe ich, dass sich in dieser Haltung äußerte, wie diese Generation aufgewachsen war: nämlich fast als Selbstversorger, von ihrem Garten, einem Schwein, das pro Jahr gemästet und am Ende geschlachtet wurde, um dann wieder einem kleinen Ferkel zur Aufzucht Platz zu machen. Von ihren Hühnern, die einerseits die Eier für den Haushalt ‘lieferten’, andererseits aber auch hin und wieder als gutes Suppenhuhn im Kochtopf endeten. Von den Kaninchen, die ebenfalls ‘Fleischlieferanten’ waren — und, falls es Angorakaninchen waren, sogar noch Wolle lieferten. Auch die Weihnachtsgans wurde selbst gezüchtet — und, weil sich eine allein so einsam gefühlt hätte, gleich noch drei, vier dazu, die dann kurz vor Weihnachten verkauft wurden und so ein paar Extra-Mark in die Wirtschaftskasse brachten — denn ganz ohne Geld ging es schließlich doch nicht. Natürlich war dies alles mit viel Arbeit verbunden. Der große Garten — vor allem als Gemüse- und Obstgarten angelegt — gab nur im Winter Ruhe. Und auch die Tiere wollten versorgt sein — täglich, regelmäßig. Das Wort ‚Urlaub’ — für uns heute so wichtig — kannte meine Großmutter eigentlich nicht.

Wir Kinder halfen, wo wir konnten. Vor allem aber entwickelten wir ein ganz anderes Verständnis für Tiere. Sicher, wir liebten sie auch, so lange sie am Leben waren. Schließlich durften wir sie mit füttern, sie streicheln, für die kleinen Küken junge Brennnesseln suchen und mit hart gekochtem Ei zusammen klein hacken, für die Kaninchen Löwenzahnblätter finden, die frischesten versteht sich. Aber wir wussten, das waren keine Kuscheltiere — das waren Nutztiere, die wir eines Tages als Fleischkost auf unserem Teller wieder finden würden — so war das eben. Wir kannten es nicht anders. Selbst Katzen waren nicht vorwiegend zum Streicheln da, sondern zum Mäusefangen. Und Hunde hatten vor allem das Grundstück zu bewachen.

Trotzdem war es für uns Kinder nicht immer ganz leicht, vernünftig zu sein, wenn es sich um Tiere handelte. An eine Riesenenttäuschung erinnere ich mich auch heute noch sehr lebhaft: Ich hatte meinen siebten Geburtstag. Gleich früh am Morgen schaute eine Nachbarin vorbei. Sie hatte einen Pappkarton in der Hand, und darin saß eine Taube. Ich war entzückt, als sie mir das Kästchen in die Hand drückte und mir zum Geburtstag gratulierte. Nur ungern ging ich an diesem Tag zur Schule. Mit meinen Gedanken war ich mehr bei der Taube zu Hause als bei meinen Aufgaben. Sofort nach dem Schlussklingeln stürzte ich los, um schneller bei meinem Liebling zu sein. ‘Wie geht es meiner Taube?’, rief ich schon an der Tür, ‘wo ist sie?’

Eine Welt stürzte für mich zusammen, als meine Mutter erklärte, diese Taube gäbe es heute zum Mittagessen. Die Nachbarin hatte gar nicht gewusst, dass ich Geburtstag hatte. Sie brachte sie vorbei, weil mein Vater ihr eine Gefälligkeit erwiesen hatte, wohl irgendeinen ‘Papierkram’. Für Gefälligkeiten revanchierte man sich damals gern mit Nahrungsmitteln. Das ganze war ein Missverständnis gewesen, aber aus meiner Sicht eine Riesengemeinheit. Diesmal blieb ich mittags stur, keinen Bissen habe ich von dem Taubenfleisch gegessen, obwohl meine Mutter gerade für mich heute hatte etwas Besonderes kochen wollen. Ich aber verstand die Welt nicht mehr und war meiner Mutter lange böse wegen dieser Geschichte.“

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