60 Jahre danach

Rolf Kemper, Pastor an der Maria-Magdalenen-Kirche Reinbek, spricht über Flucht, Vertreibung und die Heimat der Heimatvertriebenen:

Sie trug einen kleinen Plastikbeutel. Er war durchsichtig. Ich konnte sehen, dass er Erde enthielt. Als der Sarg in die Erde gesenkt war, sagte sie: ‘Herr Pastor, dies ist Erde aus unserer Heimat. Ich möchte gern, dass sie diese Erde auf den Sarg werfen. Er wollte so gern in der Erde seiner Heimat begraben sein.’ Ich habe nicht lange überlegt, bevor ich ihren Wunsch erfüllte.

Ich sah nur kurz sein und ihr Leben. Ich sah die Fülle an Erinnerungen und die Trauer, Kindheitsträume und Lebensentwürfe. Der Krieg und seine Folgen haben viele Gesichter. Die Wunden des Krieges sind nicht nur an manchen Gebäuden noch sichtbar. Auch das Haus des Lebens hat seine Wunden. Vernarbt, vielleicht, aber nicht verschwunden.

Nach und nach gibt es immer weniger Menschen, die sich noch erinnern können. An die Greuel des Krieges, an die Verbrechen, die von Deutschland ausgegangen sind und an persönliches Leid. Die meisten gehen still, nehmen ihre Trauer mit sich. Die Hälfte der Menschen, die ich in den letzten Jahren beerdigt habe, hat einen Geburtsort, der etliche hundert Kilometer im Osten liegt. Sie haben nach dem Krieg neu angefangen, sich ihr Leben neu aufgebaut. Doch wenn sie von Heimat sprechen, dann meinen sie die Erinnerungen aus ihrer Kindheit.

Woher kommen wir, wohin gehen wir? Wir haben Bürgerrecht im Himmel, sagt Paulus. Und Jesus verheißt uns ein Zuhause bei Gott. Dann erst, glaube ich, werden die Wunden des Krieges wirklich geheilt sein.“

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