So war es bei uns

Helga B. und ihre Tante Grete erzählen von ihren Erlebnissen nach dem Krieg, von Hochzeiten und Wiederaufbau, aber auch von Wunden, die nie wirklich verheilt sind. Gisela Manzel hat mitgeschrieben:

Vom eigentlichen Einmarsch der englischen Truppen sahen wir in unserer Straße in Schönningstedt nichts. Als die Soldaten in die Schanze kamen, sagte unser Großvater, dass wir zur Sicherheit in den Keller gehen sollten. Aber es geschah nichts. Nach einigen Tagen mussten die Großeltern, Tante Grete und meine Mutter mit uns Kindern die Häuser verlassen. Wir kamen bei Kempke und Klempau unter. Wie lange dieser Zustand dauerte, weiß ich nicht mehr, vielleicht drei bis vier Wochen.

Meine Tante und ich sind hin und wieder nachschauen gegangen, was eigentlich nicht sein durfte. Einmal sahen wir, wie Soldaten in unserem Garten ein Loch gruben. Wir dachten entsetzt: ‘Hoffentlich finden sie nicht die Sachen, die Oma vorher dort versteckt hat!’ — aber es ging alles gut.

Die Schanze war damals der Weg nach Silk und Aumühle und auf der Seite Richtung Schönningstedter Mühle befanden sich Felder. Gegenüber vom Haus der Großeltern gab es eine Kuhle. Die Engländer hatten darin deutsche Soldaten zusammengetrieben, die dort bis zu ihrem Abtransport in die Gefangenschaft bewacht wurden.

Als wir wieder in unsere Häuser durften, sahen wir, dass die Engländer ganz schön gehaust hatten. Aus dem Keller hatten sie Töpfe mitgenommen, in der Küche war alles dick voll Fett, und in den Türen waren Löcher. Wahrscheinlich hatten sie Schießübungen gemacht.

Unser Vater war noch in amerikanischer Kriegsgefangenschaft in München und kam erst Ende 1946 nach Hause. Er war auf dem Flugplatz eingesetzt. Dabei ist er auch an die Autolackiererei herangekommen. Es hat ihm dort gefallen. Später konnte er uns sogar Pakete schicken. Aber bis dahin war Opa als einziger Mann allein mit uns vielen Frauen. Er sorgte für alle.

Opa hat schon bald wieder gearbeitet. Alles was so anfiel. Vor allem hat er zerborstene Fensterscheiben ersetzt. Und entlohnt wurde er meist mit Naturalien. Tante Grete erinnert sich noch daran, dass sie dann später mit dem Motorrad, einem Wanderer, zu den Auftraggebern fahren musste. So sollte sie dann auch von einer Bäckerei Brot und Brötchen abholen. Ihre Mutter hat die ganze Zeit solche Angst gehabt, dass sie immer noch in der Tür stand, als sie schon wieder zurückkam.

Onkel Werner kam 1945 aus Jugoslawien zurück. Er hatte großes Glück, dass er von der Gefangenschaft verschont blieb. Opa war zu der Zeit so etwas wie der ‘Dorfsheriff’ von Schönningstedt und hatte so auch mit der Wohnraumvergabe zu tun. Irgendwann sagte er dann: ‘Da oben sind 2 Zimmer frei, wenn ihr die haben wollt, müsst ihr aber verheiratet sein.’ Und Oma meinte nur, sie würde für Weihnachten sowieso backen, dann könnte auch gleich geheiratet werden. Das Problem mit dem Brautkleid löste sich ebenfalls von allein, denn eine Nachbarin heiratete auch. So trug sie das Kleid am Vormittag und am Nachmittag hatte Tante Grete es an. Die Braut sah richtig schick aus, aber eigentlich war alles geliehen, vielleicht nur die Schuhe nicht. Getraut wurden sie von Pastor Hartung in der Kirche in Reinbek.

Als Schönnigsstedter Bürgermeister hat Opa dafür gesorgt, dass auf dem Schulhof für die Flüchtlingsfamilien mit vielen Kindern kleine Baracken gebaut wurden. Er organisierte das Material und die Flüchtlinge packten kräftig mit an. Kleine Gärten gehörten auch dazu. Eine größere Baracke stand noch beim Spritzenhaus am Reetteich.

Es wurde überall mit der Versorgung schlechter, aber unser großer Garten, der für uns Kinder später immer ein Alptraum war, versorgte auch die große Familie. Außerdem gab es in Schönningstedt einige Bauern, die teils mit den Eltern befreundet waren. Natürlich wurde auch ein Schwein fett gemacht. Als wir einmal verbotenerweise zwei davon hatten, wurden uns diese aus dem Stall gestohlen und auf dem Feld geschlachtet. Dadurch kam alles raus. Folgen hatte das für uns aber gottlob nicht.

Vor den Übergriffen ausländischer Zwangsarbeiter hatten wir sonst keine Angst. Wir hatten allerdings auch den großen Hund. Ganz anders war es bei meinen Großeltern in Worth.

Ich war gerade dort zu Besuch, als nachts wieder — wie schon häufiger — Polen aus den Wentorfer Kasernen durch die Gegend zogen und auch in unser Haus wollten. Opa stand auf, klopfte mit dem Stock an die Scheibe und sagte, sie sollten abhauen. Sie haben dann durch die Tür geschossen. Mein Großvater war sofort tot. Mich haben sie später zurück nach Schönningstedt gebracht. Die Polen kamen in der nächsten Nacht wieder und wollten die Kindersachen haben. Aber Oma hatte geistesgegenwärtig alles in einem Holzstoß versteckt. Trotzdem wurde noch viel mitgenommen. Sie waren bestimmt drei- oder viermal da. Und das, obwohl Onkel und Tante auch dort wohnten, aber man konnte nichts machen. Das Haus liegt aber auch sehr abseits, allein auf einem riesigen Feld.

Brennmaterial wurde zuerst in der Schanze besorgt. Sonst sind wir viel zum Holzsammeln in der ‘Einsamkeit’ (zwischen Schönningstedter Mühe und Gut Silk) gewesen. Die Gegend kannten die wenigsten. In den kalten Wintern saßen wir meist bei Oma in der Küche. Die war riesig und es gab dort ein Sofa, einen Tisch und ganz viele Stühle. Und natürlich den großen Herd. Die Stube wurde überhaupt nicht benutzt.

Im Winter 1946 hatte Tante Grete schon ihre kleine Tochter. Weil das gesammelte Holz meistens feucht war, legte sie es beim Ofen zum Trocknen hin. Und das Kind schlief in der Nähe. Sie war nur kurz weg, und als sie zurückkam, war die ganze Küche voller Qualm. Es war ein großes Glück, dass der Kleinen nichts Ernsthaftes geschehen ist.

Später bauten auch Tante Grete und Onkel Werner ein Haus in unserer Straße. Dafür haben sie — wie viele andere Menschen auch — in Hamburg an der Straße gesessen und Steine geklopft. Die gab es um vieles billiger.

Obwohl wir in Schönningstedt von Reinbek gar nicht so weit entfernt sind, scheint es mir zur damaligen Zeit eine ganz andere Welt gewesen zu sein. Eigentlich konnten wir ganz gut hier leben. Das kommt mir besonders so vor, wenn ich daran denke, wie es meinem Mann in der Zeit gegangen ist.

Seine Familie lebte 1944 auf der Veddel. Er war 9 Jahre alt und seine Schwester 11 Jahre, als bei einem Bombenangriff die Mutter ums Leben kam. Durch den Luftdruck bei der Detonation erlitt sie einen Lungenriss. Beide Kinder waren an ihrer Seite. Und der Vater war an der Front, auf einem Schiff in Frankreich. Als die beiden gefunden wurden, nahm eine Krankenschwester sie erst einmal mit. Sie kamen dann zu Verwandten. Als der Vater in Hamburg war, um alles zu regeln, ging in dieser Zeit sein Schiff unter. Alle seine Kameraden verloren dabei das Leben. Er musste bald zurück an die Front.

Walter und seine Schwester blieben zuerst zusammen bei einer Tante, einer Verwandten der Mutter. Die Familie hatte aber selbst 5 Kinder. Dort konnten sie nicht dauernd bleiben. Eine Freundin der verstorbenen Mutter — sie wurde später die zweite Frau des Vaters — nahm sich ihrer an und brachte sie in einer Gartenlaube auf der Veddel unter. In der Zwischenzeit war der Vater wieder zuhause und fand auch bald Arbeit. Die Schwester kam zu einem Bauern.

So blieb der Junge den ganzen Tag allein, von 8 Uhr morgens bis 5 Uhr abends. Neben der Schule sollte er sich auch darum kümmern, dass Essbares oder Brennbares da war, sich zum Beispiel bei den Geschäften anstellen. Häufig war es dann so, wenn er dran kam, gab es schon nichts mehr. Auch die anderen Möglichkeiten, an das Allernötigste zu kommen, wie zum Beispiel Hamstern, Tauschen oder anderweitig etwas zu organisieren, waren nicht sein Ding. Er hat sich einfach nicht getraut. Der Onkel half hin und wieder, und auch die Schwester konnte das ganz gut.

Manchmal war er auch nachts ganz allein in der Laube. Er hörte die Geräusche, hörte auch die Ratten huschen und hat sich dann ganz schrecklich gefürchtet. Eigentlich hat Walter dieses Gefühl des Verlassenseins — entstanden in den ersten Jahren nach dem Krieg — nie ganz verarbeitet.“

Ein Gedanke zu “So war es bei uns

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