Bewegte Jahre nach dem Krieg: Nachhause auf Umwegen (1 / 3)

Hans Walter Niemann, geboren 1928 in Reinbek, erzählt von seinen Erlebnissen nach dem Krieg. Im ersten Teil schildert er, wie er der Kriegsgefangenschaft gerade noch entgehen konnte:

Wir lagen in den letzten Apriltagen 1945 in Lübeck in einem Güterwaggon und sollten zu einem Landeinsatz nach Eichen. Dort hieß es aber, es ist kein Durchkommen mit dem Zug, die Gleise sind versperrt und so weiter. Dann kam der Befehl, der Zug fährt nach Dänemark. Von Dänemark sollte es mit den Engländern zusammen gegen die Russen gehen. Das war natürlich ein Gerücht, aber wer das ausgestreut hatte, wusste auch keiner. So fuhren wir in unseren Waggons bis Süderbrarup. Dort blieb der Zug stehen; die Kohlen waren alle. Nun wurde auf weitere Kommandos gewartet. Dann kam der Befehl zum Antreten und es wurde bekannt gegeben: ‘Adolf Hitler, unser Führer, ist für Volk und Vaterland gefallen.’ Damit stand eigentlich fest, dass der Krieg zu Ende gehen würde.

Wir sollten nach Dänemark und zwar nicht zum Kampfeinsatz, sondern um in die Gefangenschaft transportiert zu werden. Das war natürlich für uns Jungs im Alter von 16 und 17 Jahren mit einer derartigen Erziehung, die wir gehabt haben, überhaupt nicht denkbar. Wir gingen doch nicht in Gefangenschaft! Also wurde geplant: ‘Wie kommen wir hier weg?’ Da immer noch ein militärischer Verbund bestand und noch Anführer dort waren, versuchten wir, einen Weg zu finden, um nach Hause zu kommen. Für uns war der Krieg zu Ende.

Die Gelegenheit war günstig, es war heiß, wir hatten Durst und in der Nähe, in Süderbrarup, war eine Meierei. Dort versuchten wir etwas zu trinken zu bekommen. Nachdem wir unsere Milch getrunken hatten, suchten wir den hinteren Ausgang und verschwanden einer nach dem anderen durch den Garten in den nahen Wald. Dort setzten wir uns kurz zusammen, überlegten, wie wir jetzt am besten weiter kommen. Wir durften nicht auffallen. Wir konnten eigentlich nur neben der Straße gehen. Die Engländer kontrollierten schon die Straßen, und auch Deutsche waren immer noch wie zu normalen Zeiten unterwegs und halfen eigentlich den Engländern beim Einfangen der deutschen Soldaten. Was wir gar nicht so gut fanden.

Also bewegten wir uns durch Gärten und Wälder nach Süden, in Richtung Rendsburg. Das war die beste Möglichkeit, über den Kanal zu kommen. Wir gingen natürlich etwas ahnungslos Richtung Hochbrücke. Auf der Brücke befand sich aber eine Kontrolle durch Engländer und deutsche Soldaten. Da wir uns nicht mit einem Marschbefehl ausweisen konnten, wurden wir erst einmal kassiert und in Gruppen zurückgebracht nach Erfte, wo ein Ausbildungslager war. Hier wurden wir alle gesammelt und mussten zu Fuß in Richtung Dänemark, praktisch in die Gefangenschaft gehen. Das war das, was wir eigentlich überhaupt nicht wollten.

Während des Marsches Richtung Dänemark nutzten wir die Gelegenheit, zu zweit in einem Waldstück wegzukommen. Das heißt, in einem unbeachteten Augenblick machten wir eine Rolle rückwärts in den Graben und als die anderen aufbrachen, blieben wir liegen. Es wurde Gott sei Dank nicht nachgezählt, und so konnten wir uns danach entfernen, wieder in Richtung Rendsburg. Mein Kamerad wurde leider krank, er konnte nicht weiter mitgehen. Er meldete sich in Rendsburg zur Krankenaufnahme. So ging ich alleine weiter, jedoch nicht über die Brücke. Ich versuchte, irgendwo ein Boot zu finden, mit dem ich über den Kanal kommen konnte. Das war auch möglich. Ich sah einen Mann in einem Ruderboot und gegen eine Schachtel Zigaretten ruderte er mich über den Kanal. So marschierte ich alleine weiter nach Süden und kam nach 14 Tagen in Reinbek an. Damit war der Krieg für mich zu Ende, und ich musste mich wieder an das normale Zivilleben gewöhnen.“

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