Eine Reinbekerin erzählt (1 / 2)

Von Heimatvertriebenen, Zwangsarbeitern und den einrückenden Briten. Hilde Tidow erzählt, wie sie das Kriegsende in Reinbek erlebt hat.

Es war Januar 1945. Das Kriegsende rückte näher. Bei uns in Reinbek wurde die Mittelschule geschlossen und zum Lazarett für verwundete Soldaten umfunktioniert. Der Unterricht wurde klassenweise im Sachsenwaldgymnasium, im Reinbeker Schloss (damals Reichsforstinstitut) und in einigen größeren Villen durchgeführt. Im Februar wurde auch das Gymnasium zum Lazarett und der Unterricht fiel ganz aus. Meine Schwester und ich meldeten uns im Lazarett als Hilfskräfte bei der Versorgung der Soldaten. So viel Elend hatten wir vorher noch nie gesehen.

Eines Abends, als wir vom Hilfsdienst nach Hause kamen — die Straßen waren alle stockdunkel — gingen vor uns im Prahlsdorfer Weg zwei Frauen mit mehreren Kleinkindern. Sie suchten ein bestimmtes Haus und zwar das unsere, wie wir aus ihren Gesprächen erfuhren. Da erkannten wir die Flüchtlinge aus Ostpreußen, die im August 1944 schon einmal bei uns gewohnt hatten. Zu der Zeit hatte der Mann von Frau K. verwundet und krank im Adolfstift gelegen. Auch als er im Oktober 1944 starb, wohnten sie bei uns. Wir hatten damals dem Adolfstift ein Zimmer für Angehörige der Soldaten zur Verfügung gestellt. Mit den Leuten waren wir in Briefkontakt geblieben.

Sie hatten nun aus Ragnit [Ostpreußen] flüchten müssen, waren erst einige Monate in Pommern untergebracht worden und dann weiter zu uns nach Reinbek geflohen. Frau K. kam mit zwei Kindern und brachte noch ihre Schwester, auch mit zwei Kleinkindern, mit. Wir mussten uns ganz schön beschränken, denn wir waren in unserer Familie schon sieben Kinder. Nun waren wir elf Kinder und drei Erwachene im Haus. Am nächsten Tag begleitete ich Frau K. zum Gemeindeamt, damit sie sich anmeldete und Lebensmittelkarten beantragte. Gegenüber der Kirche kam uns der älteste Sohn der Frau K., Bruno, entgegen. Er war in Danzig auf der Werft als Lehrling tätig gewesen und hatte sich mit seiner Mutter abgesprochen, dass sie sich bei uns in Reinbek alle wieder treffen wollten. War das eine Freude, sich nach den langen Wochen der Ungewissheit wieder zu sehen! Nur der älteste Sohn Günther fehlte nun noch. Er war noch zur Wehrmacht eingezogen worden, traf aber im Hochsommer wohlbehalten bei uns ein. Wir teilten alles mit unseren Vertriebenen.

Das Kriegsende rückt näher

In der Kampstraße hatten wir einen Kleingarten. Den zu bestellen, war im Frühjahr 1945 sehr gefährlich. So manches Mal wurden wir von den Tieffliegern in Angst und Schrecken versetzt. Das Kriegsende rückte unaufhaltsam näher. Überall in der Schönningstedter Straße mussten die Volkssturmmänner Panzersperren ausheben. Mein Jahrgang musste noch zur Feuerwehr. Das Spannendste für uns Mädels waren am Sonntagmorgen die Spritzübungen. Zum ernsthaften Einsatz kamen wir zum Glück nicht mehr.

Die Sieger rücken ein 

Am Tag, als die Engländer einrücken sollten, schickte unsere Mutter uns in den Luftschutzkeller. Wir saßen stundenlang dort, denn es wurden Schauermärchen von den ‘Tommys’ verbreitet. Irgendwann trauten wir uns raus und gingen ein Stück die Straße herunter. Da sahen wir, dass die Engländer bereits in langen Zügen die Schönningstedter Straße herauf kamen. In den ersten Tagen wagten wir uns nicht so recht auf die Straße vor Angst. Doch wir wurden sehr nett und gerecht von der Besatzung behandelt. Nur die Ausgangssperre musste streng eingehalten werden.

Als wir im Sommer mal zur Bille zum Baden gingen, kamen einige Engländer uns im Boot auf dem Fluss entgegen. Mein dreijähriger Bruder rief: ‘Da kommen Tommys und bringen Schokolade mit!’ Was haben wir für eine Angst gehabt, denn ‘Tommy’ war ein Schimpfwort. Aber der Kleine bekam seine Schokolade!

Holzzuteilung

Kurz nach Kriegsende gab es für jede Familie einen Baum als Brennholz aus dem Vorwerksbusch. Alle Mitglieder der Familie mussten nun im Wald das Holz zurechtsägen und es heim transportieren. Zum Glück besaßen wir einen Hand-wagen.

Erlebnisse mit ehemaligen Fremdarbeitern 

Im Krieg arbeiteten überall in der Landwirtschaft Fremdarbeiter und gefangene Soldaten. Auch Bauer Soltau hatte einen jungen Polen, Josef, und einen etwas älteren Franzosen. Mein Vater war mit Bauer Soltau befreundet, deshalb halfen wir dort oft auf den Feldern und kannten so auch die Fremdarbeiter sehr gut. Der Pole Josef kam sogar zu uns ins Haus und erhielt manchmal auch Kleidung von meinem Vater.

Als nun der Krieg zu Ende war, sammelten sich alle Polen, die im Umkreis tätig gewesen waren, in den Wentorfer Kasernen. Von dort aus gingen sie scharenweise auf Plünderungen. Auch bei Bauer Soltau, wo Josef wie ein Sohn im Hause behandelt worden war, wüteten und plünderten sie. Eines Sonntags stürmten sie auch zu uns in die Küche. Wir waren zu Tode erschrocken und haben auf Josef und seine Kumpanen mit Engelszungen eingeredet und ihm klar gemacht, dass wir ihn doch immer sehr gut behandelt hatten. Nach langem Reden zogen sie endlich ab, und wir kamen glimpflich davon. Sie entschuldigten sich sogar.“

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