So begann für uns langsam die Normalität“

Flucht, Flüchtlingslager, Hunger, Schule, Garten… — und endlich so etwas wie Normalität. 6 Jahre im Schnelldurchgang erzählt von Gerda Schmoldt:

Für meine Familie und mich begann im Januar 1945 die Flucht von Posen nach Irgendwo. Planlos fuhren wir mit dem Pferdewagen los und schlossen uns dem großen Reisetreck an. Nach langem Umherirren und kein Ziel im Auge, drehten wir nach ein Paar Tagen um und fuhren wieder zurück auf unseren kleinen Bauernhof. Dort war inzwischen eine Kompanie russischer Soldaten einquartiert, die meine Mutter bekochte und versorgte. Nach Monaten kam im November ein Befehl: ‘Alle Deutschen sollen ihre Höfe verlassen.’

Wieder ging die Reise los — aber diesmal mit einem offenen Güterzug. Klirrende Kälte, Regen und Schnee. Nach mehreren Aufenthalten und Zwischenstationen in Rostock, Stralsund und Lübeck erreichten wir in Schönningstedt Fürböters Gasthof. Wir schliefen ca. 3 Wochen zu Hunderten im Saal auf Stroh und Decken.

Am 24.12.1945 bekamen wir eine Wohnung von ca. 10 bis 12 qm in Neuschönningstedt zugewiesen. Wir waren drei Erwachsene und zwei Kinder von 9 und 4 Jahren. Die Miete betrug 15 RM. Wir wohnten bei einem älteren Ehepaar, dessen Sohn noch in Gefangenschaft war. Wir fühlten uns geborgen und aufgenommen, denn Hunger und Kälte hatten uns vier Wochen begleitet. Im Zimmer standen 3 Metallbetten, 1 Tisch, 1 Stuhl und ein kleiner eiserner Ofen. Welch ein Reichtum — so kam es mir vor.

Da mein Vater seit 1943 vermisst war, bekam meine Mutter eine kleine Rente. Es waren 60 RM und je 15 RM als Halbwaisenrente. Durch Fürsprache fing meine Mutter auf Gut Silk an zu arbeiten. Wie deprimierend das alles für meine beiden Großmütter gewesen sein muss, habe ich erst im Erwachsenenalter verstanden. Meine Mutter kaufte dann für 75 RM ein Fahrrad, Abzahlung monatlich 5 RM. Es war eine Erleichterung. Sie brauchte den weiten Weg nicht mehr zu Fuß gehen.

1946 wurde ich in Schönningstedt ins 2. Schuljahr eingeschult. Als Schulleiter waren Herr Lehrer Jacobs und als Lehrerinnen Frl. Peters und Frau Dix im Einsatz. Das Beste war die Schulspeisung. Eklig war aber der Löffel Lebertran! Freude kam für uns Kinder auf, als wir Care-Pakete aus Amerika bekamen. Der Inhalt waren Süßigkeiten, Zahnbürsten usw.

An einen Ausflug in den Sachsenwald kann ich mich gut erinnern. Nach langem Wandern bekamen wir heißen Kakao und 2 trockene Roggenbrötchen — wieder ein Genuss. Es war manchmal die einzige Nahrung, die man am Tag zu sich nahm.

Von der Schule gingen wir zu den Bauern (Bauer Bohnhof), um Kartoffelkäfer abzusammeln. Dafür bekamen, wir 15 Pfund kleine Kartoffeln. Wir stoppelten auch Zuckerrüben und Kartoffeln nach oder pflückten Erbsen auf Gut Schönau. Für ¼ Zentner bekamen wir 3 RM. So hat man sich Vorräte angelegt oder man bediente sich bei der Natur: Brennnesseln und Melde, ein wunderbares Spinatgericht. Um auch einmal an Obst zu kommen, gingen wir in anderer Leute Gärten.

Ende der 40er-Jahre bekamen wir in Neuschönningstedt Heideland an der Lindenallee und machten es urbar. Es waren 500 qm, und die wurden sofort mit Gemüse bepflanzt. Wieder eine Errungenschaft. Um kochen zu können, gingen wir in den Wald und sammelten Holz oder holten mit dem Fahrrad ½ Zentner Kohle-Briketts vom Kohlenhändler. In einem größeren Eimer wurde die Wäsche auf dem kleinen Herd gekocht und draußen an der Pumpe gespült.

Unsere Bekleidung war dürftig. Da meine Mutter auf dem Bismarckschen Gut arbeitete, hatten wir Gelegenheit, aus dem schwedischen Hilfswerk, das Ann-Marie Fürstin von Bismarck leitete, Kleiderspenden zu bekommen, die wir gerne annahmen. Es hatte sich auch herumgesprochen, dass Stellmacher Mende Holzpantinen oder Klapperlatschen anfertigte. Das waren alles kleine Schätze, über die man sich freute. So rutschten wir langsam in die Normalität hinein.

Durch Zufall half ich im Sommer einem Ehepaar beim Erdbeeren- und Kirschenpflücken, immer nach der Schule. Ich erledigte Einkäufe oder was sonst noch so anfiel. Zum Dank boten sie mir ein kleines Zimmer an, ganz für mich allein. Ich hatte dort dann sehr viel zu tun, aber ich gewöhnte mich daran. Für meine Mutter war es auch eine Erleichterung, da nun in der kleinen Wohnung etwas mehr Platz war. Eine Großmutter ging nach Reinfeld in ein Altenheim, das sehr familiär war. 1951 zogen wir dann in eine größere Wohnung und waren alle zufrieden.“

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