Wohnungsnot nach dem Krieg — ein zeitgenössischer Bericht

Es war Mai 1951 — sechs Jahre nach dem 2.Weltkrieg -, als die Deutschlehrerin, Frau Dr. Dora Köppen, ihrer Untersekunda des Sachsenwald-Gymnasiums aufgab, einen Vortrag über die Wohnungsnot zu damaliger Zeit auszuarbeiten. Uwe Plog, im Mai 1946 mit seiner Familie nach Reinbek gekommen, war zu dieser Zeit einer ihrer Schüler. Das Konzept für seinen Vortrag hat sich erhalten:

Wie wirkt sich in unserem Leben die Wohnungsnot aus? 

Da im letzten Krieg viele Häuser zerstört und viele Menschen vertrieben worden sind, ist ein großer Wohnraummangel entstanden. Um die Wirkungen der Wohnungsnot zu erklären, stellt man sich erst einmal die Frage:

Was ist Wohnungsnot? 

Wir alle begegnen ihr Tag und Nacht. Wir betrachten dazu unseren Tagesablauf. Morgens kann man sich nicht gründlich waschen, weil kein Badezimmer da ist. Außerdem ist nicht viel Zeit, denn die anderen Familienmitglieder wollen auch aufstehen. Dann wird Frühstück gegessen. Der Kaffee und das Brot brauchen nicht aus der Küche geholt zu werden, denn es gibt keine Küche. Der Herd steht in einer Ecke des Zimmers. Wo eigentlich ein schöner Schrank oder ein Sofa stehen sollten, um dem Zimmer einen guten Anblick zu geben, da ist Holz aufgestapelt und stehen Säcke mit Kohlen und Kartoffeln.

Aber dann brauchen wir uns — das sind hier mein Bruder, meine Schwester und ich — für einige Stunden nicht in dieser Enge zu ärgern, denn es wird Zeit, zur Schule zu gehen. Nach der Schule sehen wir wieder den Platzmangel, denn wir wissen nicht, wo wir unsere Schularbeiten machen sollen. Der eine Tisch wird als Küchentisch benutzt, auf dem anderen plättet die Mutter gerade die gewaschenen Kleidungsstücke. Aber man muss sich zu helfen wissen: ein Brett wird auf den Schoß gelegt und darauf wird geschrieben.

Inzwischen ist die Schwester mit den Schularbeiten fertig, sie holt sich eine Freundin und spielt im Zimmer. Das geht natürlich nie ganz ohne Worte ab und dabei sollen wir dann einen deutschen Aufsatz schreiben. Auch ein Besuch von Erwachsenen ist nicht möglich, weil eben zu wenig Platz ist.

Schließlich ist es Abend geworden und der Vater kommt nach Hause. Manchmal hat er einen Brief zu schreiben. Dann weiß er nicht, wo er die Schreibmaschine hinstellen soll. Auch andere Arbeiten wie Tischler- oder Schlosserarbeiten kann man nicht in einem Zimmer verrichten.

So geht der Tag zu Ende, aber der ‚Rundgang’ durch die Wohnungsnot ist noch nicht vorbei. Auch zum Schlafen ist zu wenig Platz. Auf einem Bett liegt, von Papieren verdeckt, ein Strohsack. Am Abend wird er auf die Erde gelegt, zwei Decken darauf und fertig ist die Lagerstatt.

So geht das Leben in einem Zimmer weiter. Und es rücken Familienfeste heran wie Geburtstag, Konfirmation oder Hochzeitstag der Eltern. Man will gerne Verwandte oder Bekannte einladen, aber es sind keine Stühle und kein Tisch da und wenn sie da wären, wüsste man nicht, wo man sie aufstellen sollte.

Nach der ersten Frage stellen wir uns eine andere: Welche Wirkungen der Wohnungsnot gibt es? 

Zuerst betrachten wir einmal unsere Gesundheit. Da öfter das Fenster geöffnet werden muss, besteht die Gefahr, sich zu erkälten. Aber dabei gibt es noch eine Gefahr, nämlich die, dass sich so viele Menschen in einem Raum gegenseitig anstecken. Es geht auch nicht ohne Krach ab. Darunter leiden die Nerven.

Der Arzt verordnet dann meistens den Umzug ins Krankenhaus. Zur Gesundheit gehört auch die Ruhepause. Morgens, wenn wir noch gar nicht aufstehen wollen, werden wir dadurch gestört, dass der Vater und die Mutter aufstehen. Auch die Mittagsruhe am Sonntag ist in einem Raum nicht möglich.

Durch die Wohnungsnot werden nicht nur wir allein betroffen, sondern auch die Nachbarn. Von unten wird öfter mit dem Besen gegen den Fußboden geklopft, d.h., wir waren wieder einmal zu laut. So kommt es, dass man mit diesen Nachbarn, die sich über uns ärgern, nicht in dem besten Verhältnis bleibt.

Weil man sich Bekannte und Freunde nicht nach Hause einladen kann und man sich mit ihnen nur selten einmal auf der Straße trifft, zieht man sich von ihnen zurück, manchmal hört die Bekanntschaft ganz auf.

Eine weitere Folge der Wohnungsnot ist der Streit. Dafür gibt es auch Beispiele aus dem Tageslauf. Es gibt nur eine Waschgelegenheit, aber alle wollen sich zu gleicher Zeit waschen. Oder jeder guckt in den Kochtopf und kritisiert das Mittag- oder Abendessen. Oder bei den Schularbeiten: alle wollen möglichst schnell fertig werden, aber für einen ist nur Platz.

Aus solchen kleinen Streitigkeiten entwickeln sich dann auch bald Neid und Missgunst. Das gibt es bei Kindern und bei Erwachsenen. Folgendes Beispiel: Die Eltern sehen nun schon einige Jahre mit an, dass der Nachbar mehr Zimmer hat und also auch besser lebt. Da man seinem Nachbarn seinen ‚Neid’ aber nicht zeigen kann, gibt man ihm auf andere Weise Ausdruck, und zwar durch die Kinder: man unterbricht sie nicht, wenn sie den Nachbarskindern ‘die Meinung sagen’.

Aus all diesen Wirkungen der Wohnungsnot sehen wir, dass sie schädlich ist für die Menschen und das Zusammenleben. Um diesen Menschen nun ein besseres Leben zu geben, muss schnellstens die Wohnungsnot abgeschafft werden!“

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