Der „Wohnungsbeschlagnahmer“

Ausgebombten und Heimatvertriebene konnten in Reinbek zunächst in Baracken unterkommen, von wo aus sie dann weiterverteilt worden sind. Max H. war einer der Koordinatoren dieser Verteilung. Er erzählt von seiner Ankunft in Reinbek und seiner Tätigkeit, die nicht überall auf Zustimmung der Einheimischen stieß. Entstanden ist der Beitrag in einer Gesprächsrunde unter der Leitung von Otto-H. Harders.

Ich bin im Juli 1945 hier angekommen und habe mich erst als Gärtner angedient, habe Bäume beschnitten. Ich war studierter Landwirt, so war ich auch vom Engländer rechtzeitig entlassen worden. Dann habe ich mich an Bürgermeister Kleist gewendet, der hier nach Kriegsschluss das Amt angetreten hat. Claußen war entlassen. Kleist war dafür eingetreten.

Ich war in der Gemeinde einer der wenigen, die Englisch einigermaßen konnten. Ich habe damals Listen bekommen vom Meldeamt, von allen Belasteten und den wenigen, die so durchgekommen waren. Die Listen habe ich bekommen und zwar, weil ich von der Gemeinde eingesetzt wurde als Wohnungsbeschlagnahmer. Die älteren Herren, die einheimisch waren, die machten sich nämlich bei dieser Aufgabe unbeliebt bei ihren sämtlichen Bürgern. Ich kam neu dazu, wurde gleich als Reinbeker Bürger eingetragen. Die Bescheinigung habe ich noch. Ich kriegte am Tag 10 Mark für meine Arbeit allgemein im Anfang. Nachher wurde ich stundenweise bezahlt, aber für die Wohnungsbeschlagnahme habe ich fast alles ehrenamtlich gemacht.

Ich habe z.B. die Lebensmittelkartei nach Personen kontrollieren müssen, die alle noch da sind. Da waren nämlich soundso viele Karten ausgegeben worden, da wurden Leute gemeldet, die ganz woanders wohnten, gar nicht in Reinbek waren.

Ich hatte eine Bescheinigung, dass ich jede Wohnung und jedes Haus betreten durfte. Dann bin ich mit einem Hilfsmann zum Wohnungsbeschaffen gegangen. Der wurde mir beigegeben von der Gemeinde, weil ich ein Fremdling war. Ich war aus Dresden gekommen. Dann bin ich mit Bandmaß unterwegs gewesen, habe die Zeichnungen in der Gemeinde besorgt. Da kamen nämlich die Auflagen, dass pro Person in einer Familie 4,7 qm zugelassen werden durften. Alles andere musste ich bescheinigen und beschlagnahmen. Das war natürlich eine furchtbare Arbeit in diesen Riesenvillen. So bin ich eigentlich über ein Jahr lang für die Gemeinde tätig gewesen.

Dann kamen die ganzen Flüchtlinge 1945/46, die kamen alle in die großen Villen und ich war sozusagen der Beschlagnahmer, ich kannte die Wohneinheiten und musste die Flüchtlinge einweisen in ihre Häuser, wo sie hinkamen. Da habe ich mich noch unbeliebter gemacht. Aber ich musste nach dem Gesetz handeln. Das war ein Gesetz vom Engländer.“

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