Wir treffen uns in Reinbek: Aufbruch aus der Heimat (1 / 3)

Für Hildegard H. und ihre Familie war es ein langer Weg von ihrer Heimat, Stettin, nach Reinbek. Erst dort waren sie wieder vereint. Was sie in der Zwischenzeit erlebt hat, erzählte sie Gisela Hackbarth, die die Geschichte festgehalten hat. Der erste Teil handelt von einer strengen Schulleiterin, großen Rucksäcken und einem fliegenden Strohkoffer:

Anfang 1945, russische Truppen überschritten die deutsche Grenze in Ostpreußen, überall in Stettin waren Flüchtlinge, und lange Trecks quälten sich durch die Stadt. Auch meine Eltern beschlossen, sich vor der nahenden Front in Sicherheit zu bringen. Obwohl es verboten war, verließ meine Mutter mit meinem jüngeren Bruder, neun Jahre alt, Ende Februar mit dem Zug Stettin. Ihr Ziel war Reinbek bei Hamburg. Dort sollte bei Verwandten Treffpunkt unserer Familie sein.

Die Front war schon nahe der Oder, sodass die Züge nur nachts und ohne Beleuchtung Stettin verlassen konnten. Zunächst musste meine Mutter nach Sellin auf Rügen fahren, denn dorthin war ich, fünfzehn Jahre alt, mit meiner Schule evakuiert worden. Die Schulleiterin weigerte sich, mich herauszugeben und drohte meiner Mutter mit einer Anzeige wegen Fahnenflucht. Schließlich durfte ich die Schule aber doch verlassen. Meine Cousine bettelte unter Tränen, mitfahren zu dürfen, aber sie erhielt keine Erlaubnis. Sie und alle Mitschülerinnen haben später sehr Schlimmes durch die Russen erlebt.

Wir drei machten uns also auf den Weg nach Hamburg. Mein Vater hatte als Luftschutzwart in Stettin bleiben müssen, meine ältere Schwester, neunzehn Jahre alt, war nach Kolberg verpflichtet worden, um ‘den Ostwall zu schippen’. Mein 17-jähriger Bruder war noch eingezogen worden und kämpfte in Breslau. Mit insgesamt acht Gepäckstücken waren wir unterwegs. Das waren vier Koffer, ein Bettsack mit Oberbetten und Kopfkissen, zwei Taschen und ein riesiger Rucksack, bepackt mit Schuhen, den mein Bruder tragen musste. Das Umsteigen war stets ein großes Problem. Wir konnten ja nicht alles auf einmal von einem Bahnsteig zum anderen tragen, deshalb wurde mein Bruder immer mit einigen Gepäckstücken allein gelassen. Er hat jedes Mal riesige Ängste ausgestanden. Nicht um das Gepäck, sondern darum, dass wir ihn nicht wieder fänden.

Unterwegs

In Rostock gab es den ersten Stopp. Ein Zug nach Hamburg würde erst am nächsten Tag fahren, hieß es. Also verstaute meine Mutter unser Gepäck in Schließfächern am Bahnhof und wir begaben uns auf die Suche nach einer Übernachtungsmöglichkeit. Bei irgendeinem Haus hat sie geklingelt und gefragt und tatsächlich nahmen uns die fremden Leute freundlich auf. Am nächsten Tag setzten wir die Reise mit dem Zug fort.

Tagelang waren wir nun unterwegs, kamen aber in Hamburg nicht an. Zuerst wurde der Zug nach Lüneburg umgeleitet, weil die Schienen in Richtung Hamburg zerbombt waren. Hier fanden wir für ein paar Tage Unterkunft bei einem netten, älteren Ehepaar. Dann setzten wir uns wieder in einen Zug; dieses Mal endete die Fahrt in Lübeck. Auch hier übernachteten wir bei fremden Leuten. Schließlich empfahl das Rote Kreuz — oder die Bahnhofsmission — meiner Mutter, lieber erst einmal mit den Kindern nach Flensburg auszuweichen, da Hamburg ständig unter Beschuss läge und die Engländer im Vormarsch seien. Also reisten wir nach Flensburg. Hier gab es eine Vermittlungsstelle, die Flüchtlinge bei Einheimischen einquartierte. Wir kamen zu einem Malermeister nach Sörup. Bei unserer Ankunft auf dem Söruper Bahnhof passierte noch etwas, das mir gut in Erinnerung geblieben ist: Meine Mutter hatte sich angewöhnt, ständig unsere Gepäckstücke zu zählen. Als wir ausgestiegen waren, zählte sie und bemerkte, dass ein Koffer fehlte. Der Zug fuhr schon an, da schrie sie laut nach ihrem Strohkoffer. Einen Augenblick später kam er durchs Abteilfenster auf den Bahnsteig geflogen.“

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