Mein Tagebuch (1 / 2)

Die Nachkriegszeit war facettenreich. Da war der Hunger und die Angst vor Plünderern einerseits. Andererseits war da auch der Aufbruch in eine neue, bessere Zukunft. Mechthild Pirson erzählt aus ihrem Tagebuch:

Mein Tagebuch — ein Nachtrag am 30. Mai 1945 — berichtet noch von der Zeit kurz vor dem Einzug der Engländer, als ein paar Soldaten nachts an unserer Haustür klopften, Einlass forderten und sich mit einer Panzerfaust in meinem Zimmer niederließen. Sie wollten den Ihnenpark verteidigen.

Dann die letzte Nacht vor der Besetzung. Geschützdonner in der Ferne im Osten, Südosten, dann wieder nahe. Alle Viertelstunde krachte es. Gegen 5 Uhr in der Frühe Stille. Ich wagte mich vormittags noch einmal in die Ortsmitte von Reinbek, um mein an einen Soldaten ‘verliehenes’ Fahrrad — wohl als Fluchtgefährt gedacht — zu suchen. Nichts… Um 12 Uhr sollten wir von der Straße sein; die Panzer sollten gegen 13 Uhr einrollen. Warten, warten. 14 Uhr, 15 Uhr — nichts. ‘Sie sind schon am Reinbeker Bahnhof’, hieß es. Dann kurz nach 17 Uhr: Sie kommen aus Richtung Osten die Wohltorfer Straße herauf, oben auf ihren offenen Panzern hockend. Erst später rollte es dann auch die Schönningstedter Straße entlang von Süden nach Norden.

In den nächsten Tagen wurde es unruhig. Plünderer, man meinte displaced persons [= vor allem osteuropäische Zwangsarbeiter], sollten nördlich von uns in Schönningstedt etc. die Gegend verunsichern. Genaues wussten wir nicht, vergruben einige Wertgegenstände, waren schließlich froh, als die Gruppen in der Nähe der Schönningstedter Mühle gestoppt wurden.

Es ist noch erwähnenswert, dass während des Krieges eine junge Russin oft an unserem Haus in der Wohltorfer Straße vorbei mit einer Milchkanne zum Milchmann Puls ging. Wir nickten uns zu. Sie arbeitete bei der ersten Frau Grüttner, die wohl Multiple Sklerose hatte. Das junge Mädchen ging mit ihr spazieren, indem sie ein Band, an dem das unbewegliche Bein befestigt war, hochzog und so ein Fortkommen ermöglichte. Frau Grüttner soll später einer Ihnenparkerin erzählt haben: ‘Weil ich die Russin gut behandelt habe, sollte ich später nach der Eroberung schnell getötet und nicht erst gequält werden.’

Ein ungutes Erlebnis: Nicht lange nach Kriegsende 1945 war ich mit meiner Freundin in einem kleinen Waldstück südlich der Billebrücke in Wohltorf (Nähe Niemann Silk) beim Heidelbeerpflücken, als ein englischer Soldat uns nach den Ausweisen fragte. Wir hatten keine bei uns. Meine Freundin erbot sich, sie zu holen und ließ mich allein zurück. Der Soldat belästigte mich bzw. versuchte es. In Panik rannte ich nach Hause. Meine resolute Mutter suchte einen zuständigen Offizier und beschwerte sich. Ich sehe uns noch vor dem am Schreibtisch Sitzenden — stehend! Ich wurde am nächsten Tag wieder ins Quartier bestellt. Soldaten waren in einer Reihe angetreten, und ich sollte den Betreffenden identifizieren. Er war nicht dabei.

Am 14. Juni 1945 — es war noch nicht wieder Schulunterricht — stieg ich mit anderen Leuten an der Ecke Wohltorfer Straße/Schöningstedter Straße auf einen Anhänger. Gut Schönau brauchte Hilfskräfte und ich für unsere Familie etwas zu essen. Bei 28 Grad krochen wir über die Felder, für uns junge Mädchen ein ungewohntes Tun. Rüben verziehen, Erbsen vereinzeln, Erbsen pflücken, Kartoffeln buddeln, alles per Hand, denn Maschinen wurden damals dafür noch nicht eingesetzt. Der Witterung ausgesetzt flüchteten wir bei Regen zuweilen in abgehalfterte, drehbare Scheinwerferkuppeln, kugelnd, rutschend darin — das Vergnügen der Jugend. Ein Nebeneffekt der Arbeit von frühmorgens bis zum Nachmittag waren die ungewohnten wunderschönen Ausblicke auf unsere Landschaft. Wann durfte man schon einmal mitten auf einem Acker stehen?

Hauptgrund der Tätigkeit war aber das wöchentliche Deputat an Gemüse und Kartoffeln zum Auffüllen unseres mageren Speiseplanes, denn die Suppen aus Kleie, die wir uns von der Mühle holten und die eigentlich für unsere Hühner bestimmt war, sättigten nicht gerade. Nebenbei gab es auch noch 35 Pfennig pro Stunde. Nur hin und wieder konnte man sich beim Schlachter Böhme in Reinbek Wurstbrühe holen, mehr aus Wasser als aus Inhaltsstoffen bestehend. Alle anderen Lebensmittel waren rationiert, wurden nur auf Marken abgegeben und waren sowieso fast nur auf der Briefwaage zu wiegen.

Karge Kost und nichts für Käseliebhaber. Lebensmittelzuteilungen nach dem Krieg.

Auf dem täglichen Heimweg von Gut Schönau gab es noch legale, zuweilen illegale Sammelaktionen in Form von größeren Ästen für den heimischen Herd oder die eine oder andere Kartoffel oder Rübe am Wegesrand. Welch ein Erlebnis, als uns müde Arbeiter eines Tages Fürst Bismarck — oder war es der Graf ?- aufsammelte und in seinem Jagdwagen fast vor die Haustür fuhr.

Wie schnell sich das Leben nach Kriegsende im damaligen Sinn normalisierte, zeigt die Tatsache, dass eine Lehrerin, trotz noch nicht wieder arbeitender Schule, eine Arbeitsgemeinschaft für Literatur anbot, und dass ich im August in einen Chor der Maria-Magdalenen-Kirche eintreten und an öffentlichen Konzerten in Reinbek und Ende September 1945 sogar in Fuhlsbüttel teilnehmen konnte. Das Fuhrunternehmen Niemann transportierte uns Chormitglieder im Lastwagen nach Hamburg. Im September begann auch meine erste Tanzstunde in Bergedorf in schlichtem Saal und mit einem bonbonfarbenen Gesöff, wie man heute sagen würde. Erste Schritte, wie bewegt man sich im Marsch, Tango, Walzer? Noch blieben wir bei Herkömmlichem.

Dafür war die Sehnsucht nach Neuem, nie Gehörtem oder nie Gelesenem groß. In Theater- und Konzertbesuchen stillten wir dieses Verlangen, bekamen Kontakt zu uns jahrelang verwehrten Autoren. Auch Reinbek bot Einiges. Im gut besetzten Saal, dessen erste Reihen für Engländer und ihre Gspusis [= Liebschaften] reserviert waren, sang eine Else Apel in blattgrünem, faltenreichen Abendkleid Schubert- und Mozartlieder. Der Saal diente auch als Treffpunkt für den englischen Club mit dem Wahlspruch des Hosenbandordens ‘Honi soit qui mal y pense’ [franz. ‘Beschämt sei, wer schlecht darüber denkt.’]. Die Deutsche Hilfsgemeinschaft veranstaltete ein klassisches Konzert, und im Juli 1946 fand im neu errichteten Sachsenwald-Theater eine Tanzvorstellung mit Sylvia Fiezen unter Klavierbegleitung statt mit Musik von Bach, Schubert, Debussy etc. Und so ging es auch mit Orchesterkonzerten weiter. Faszinierend war eine Freilichtaufführung ‘Die Freier’ von Eichendorff. In der Dunkelheit die Silhouette des Schlosses im Hintergrund, ein stimmungsvolles Theater. Danach Rummel in der Wildkoppel.

Das Sachsenwaldtheater

Wie schon Ende des Krieges in unserer zum Lazarett umgewandelten Sachsenwaldschule, wurde ich auch jetzt immer wieder als DRK-Schwesternhelferin eingesetzt. Am 30. November 1945 kam z.B. in der Dunkelheit wieder ein Flüchtlingstransport in Reinbek an. Tagelang hatten wir Dienst in einer Baracke, die auf dem Gelände der späteren IFFA (Institut für Forstliche Arbeitswissenschaft) an der Ecke Schillerstraße/Goetheallee stand. Wir nahmen an den Schicksalen der Menschen teil, begleiteten den zuständigen Arzt Dr. von Ondarza bei der Visite und bekamen gleichzeitig ausführliche Erklärungen zu den Krankheiten.

Ende des Jahres begann dann wieder der Schulunterricht, für uns in der Dobbertinschen Villa in der Goetheallee bei zuweilen mitgebrachten Holzkloben für einen eisernen Ofen und — ungewöhnlich für Klassenräume — hinter Glastüren manchmal.“

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