Ein Gerücht

Herr Peter, Müller der Schönningstedter Mühle, war kurz nach Kriegsende angeschossen worden. Es entstand das Gerücht, ehemalige Zwangsarbeiter (sog. „displaced persons“) hätten etwas damit zu tun gehabt. In einer Gesprächsrunde unter der Leitung von Otto-H. Harders wurde das Thema wieder aufgegriffen.

H. R.: „Wir hatten bei Kriegsende sehr viele ausländische Zwangsarbeiter. Dieser ganze riesige Rüstungsapparat hätte ja nicht funktioniert, wenn nicht in den Fabriken und in der Landwirtschaft Zwangsverpflichtete, meist aus Osteuropa, gearbeitet hätten. Diese Leute wurden teilweise sehr schlecht gehalten, aber es gibt auch andere Beispiele.
Bei Kriegsende lebten diese Menschen praktisch in einem rechtsfreien Raum. Es gab keine deutsche Behörde, die für Ordnung zuständig war, die diesen Leuten etwas sagen konnte und nur die gröbsten Übertritte wurden von der Militärregierung geahndet. Da sind viele Geschichten im Umlauf, was hier in Reinbek passiert ist oder passiert sein soll.“

Der Tatort, die Schönningstedter Mühle.

P. I. : „Dass der Müller angeschossen wurde von der Schönningstedter Mühle. Bis dahin waren die displaced persons gekommen. Ich weiß nicht, was sie gemacht haben. Wir wurden auch gewarnt, wir sollten unsere Sachen wegtun, von denen wir annahmen, dass sie von Interesse wären. Ich weiß, dass wir Einiges verbuddelt haben. Bis zur Mühle sind sie gekommen. Der Müller ist ziemlich schwer verletzt worden.“

H. R.: „Wobei ich die Version, wie ich sie gehört habe, erzählen darf. In Wiesenfeld, in dem Lager, waren ja bei Kriegsende mehrere Tausend dieser Zwangsarbeiter untergebracht. Es hat nicht nur Racheakte an Arbeitgebern gegeben, sondern es hat auch, zumindest unter Beteiligung dieser displaced persons den Überfall auf die Mehlvorräte der Schönningstedter Mühle gegeben. Wir haben vom Fenster aus sehen können, wie die Leute mit Zwei‑Zentner-Säcken sich bemüht haben, über die Feldmark in Richtung Glinde zu kommen.
Ich habe es nie anders gehört, dass die Herrn Peter in irgendein Nebengelass eingesperrt hatten, und als die englische Besatzungsmacht ‑ deutsche Polizei hatte da keine Waffen ‑ als ein britischer Offizier auf das Anwesen kam, da war Herr Peter gerade so weit, dass er sich aus seinem Raum befreit hatte und stürzte auf den Hof. Und da hat der britische Offizier wohl in vermeintlicher Selbstverteidigung auf ihn geschossen und ihm einen Lungensteckschuss verpasst. Das ist die Version, die ich kenne.“

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