Ilse Gierhake erzählt: Die Besetzung (1 / 3)

Ilse Gierhake ist in Reinbek aufgewachsen. Sie erzählt von der Besetzung des Ortes durch die Briten und von den vielen Flüchtlingen, die sie bei sich zuhause aufnehmen mussten. Gisela Hackbarth hat die Geschichte aufgezeichnet.

An den Einmarsch der Engländer kann ich mich noch gut erinnern. Die Panzer rollten die Schönningstedter Straße hinauf. Unsere Mutter hatte uns verboten, nach draußen zu gehen. Aber wir konnten die britischen Soldaten von unserem Badezimmerfenster aus gut sehen. Ich sehe noch meine Zwillingsschwester und mich und einen Spielkameraden, Uwe Mommsen, auf der Wäschetruhe im Badezimmer hocken und aus dem Fenster sehen. Von meiner älteren Schwester weiß ich, dass meine Mutter und alle anderen Erwachsenen Angst vor einem Beschuss durch die Engländer hatten, besonders da zwei sechzehnjährige Jungen aus dem Gymnasium noch Panzersperren aufbauen wollten. Sie wurden aber daran gehindert.

Kurz bevor die Engländer kamen, verunsicherten viele der ausländischen Zwangsarbeiter, vorwiegend polnische Arbeiter, die Umgebung. Sie haben teilweise richtig gehaust. Meine Mutter sagte morgens oft, jetzt haben sie wieder einen Bauern gevierteilt und vor seine Haustür gelegt; sie hätte es in der Zeitung gelesen. Das waren dann wohl die Bauern, die Zwangsarbeiter schlecht behandelt hatten.

Einmal hieß es, für eine Nacht sollten alle Kinder woanders untergebracht werden, nicht zu Hause sein. Meine Mutter hat uns vier Mädchen in die Volksschule gebracht, die damals Lazarett war. Sie selbst war mit unserer Großmutter bei der Nachbarin und deren Mutter. Da meine acht Jahre ältere Schwester bei uns jüngeren war, war meine Mutter ganz beruhigt. Zwei andere Nachbarn, die in dem Kurbelwellenwerk in Glinde tätig waren, haben sich versteckt. In dieser Nacht, die wir in der Schule verbringen mussten, durften wir unser Haus nicht abschließen. Am Morgen holte unsere Mutter uns ab. Als wir uns unserem Haus näherten, wurde ich immer ängstlicher und fragte meine Mutter, ob sie den Mut habe, ins Haus zu gehen. Dann kamen noch einmal ein paar unsichere Tage. Dieses Mal wurden wir nicht in die Schule gebracht, sondern ein alter Herr aus unserer Nachbarschaft ist zu uns rübergekommen.

Nachdem die Engländer in Reinbek eingezogen waren, wurde bekannt gegeben, alle sollten sich darauf einrichten, dass die Engländer kommen und Gegenstände beschlagnahmen würden. Es wäre gut, wenn jeder schon etwas zurechtstellen würde, damit sie gleich danach greifen könnten. Man sollte nicht alles verstecken. Meine Mutter hat einiges herausgesucht, u.a. von ihrem guten Essgeschirr die tiefen Teller und Wäsche. An einem Sonntagmorgen kamen zwei Engländer und gingen mit meiner Mutter durch die Stuben. Sie nahmen die Teller und einen Beistelltisch. Dann sahen sie oben auf dem Büfett unseren kleinen Fotoapparat, eine Box, die nahmen sie dann auch noch mit. Erst 1953 konnten wir uns wieder einen kleinen Fotoapparat kaufen.

Die Engländer beschlagnahmten auch Wohnraum. Wir waren ja selig, dass unser Haus nicht ausgewählt wurde. Die Eltern unseres Pflichtjahrmädchens Cecilie B. mussten ihr Haus im Eichenbusch hergeben. Auch unsere Klavierlehrerin musste aus ihrem Haus in der Lindenstraße ausziehen. Wo sollte sie hin? Und wie und wo sollte sie Klavierunterricht geben, das war doch ihre Verdienstquelle. Auch meine Schwester hatte bei ihr Unterricht und der fiel nun aus. Da hat meine Mutter ihr unsere Diele angeboten. Wir hatten auch ein Klavier und an dem durfte sie Unterricht geben, damit sie die Möglichkeit hatte, Geld zu verdienen.

Einquartierung hatten wir schon 1943 nach der Feuersbrunst in Hamburg gehabt. Die Familie, die uns zugeteilt worden war, fuhr aber bald weiter zu Verwandten. In dieser Zeit war meine Mutter im Großeinsatz, Hamburger Flüchtlinge unterzubringen und zu versorgen. Auch kümmerte sie sich um verwundete Soldaten. Als Gegenleistung und Anerkennung wurde Mutter noch viele Jahre danach von Dr. K. kostenlos behandelt.

Im Winter 1944/45 wurde eine Mutter mit vier Kindern aus Ostpreußen bei uns in einem Raum untergebracht. Nach einigen Monaten wurden auch sie weitergeleitet. Dann wurde der Ohrenarzt Dr. E. mit seiner Frau bei uns eingewiesen. Wir mussten zwei Zimmer abgeben. Eines war für sie zum Wohnen, das andere die Praxis. Die Diele war der Warteraum. Im Haus gab es nur eine Toilette, die wurde von allen, auch den Patienten benutzt. Wir selbst waren acht Personen: vier Kinder, meine Eltern, unsere Großmutter und unser Pflichtjahrmädchen. Uns standen nur die oberen Räume zur Verfügung. Das Arztehepaar hatte einen Sohn. Als der aus dem Felde heimkam, musste er auch untergebracht werden. Vater kleidete unser kleines Holzhäuschen im Garten ein wenig aus, so dass er erst einmal hier bleiben konnte. Er blieb jedoch nicht lange. Dann kamen Verwandte aus Berlin, unsere Tante mit Tochter. Später kam der Bruder meiner Mutter, der auch zeitweilig bei uns untergebracht war.

Der Ohrenarzt starb nach einer Weile und etwas später zog seine Frau aus. Nun bekam der Ohrenarzt Dr. W. die Räume. Er brauchte jedoch nur den Praxisraum. So bekamen wir nun den zweiten Wohnraum zurück. Die Diele war weiterhin Wartezimmer und die Toilette wurde auch weiter von den Patienten mitbenutzt. Unsere Glühbirnen waren immer weg, auch das Toilettenpapier. Es gab ja keines. Deshalb zerschnitten wir Zeitungspapier, tütelten alles zusammen und hängten es auf. Dr. W. hatte seine Praxis bis 1952 in unserem Haus.

Die Ernährungslage war schon im Krieg sehr schlecht. Wir hatten Lebensmittelkarten. Nach der Kapitulation wurden die Rationen noch geringer. Wir mussten oft anstehen. Für Essig sind wir zu dritt nach Bergedorf gegangen und jeder erhielt eine Flasche. Meine mutigere Schwester zog sich ihre Kapuze über den Kopf und stellte sich noch einmal an. Und welch Glück, sie bekam noch eine Flasche Essig; denn keiner hatte sie wiedererkannt. Vom Schlachter konnten wir uns manchmal Brühe holen. Im Sommer 1945 gab es vor dem Lebensmittelladen Heick in der Schönningstedter eine Sammelstelle. Wer sich dort frühmorgens einfand, wurde von einer Kutsche abgeholt und aufs Feld zum Erbsenpflücken gefahren. Den ganzen Tag lang haben wir gepflückt. Ich war damals achteinhalb Jahre alt.

Eine Lebensmittelkarte aus der Nachkriegszeit

Einmal wurde das Heereslager Glinde geräumt und die Vorräte an die Bevölkerung verteilt. Pro Kopf gab es ein Pfund Butter und eine Apfelsine. Meine Mutter kam mit zwei Netzen — eins voll Butter, eins voll Apfelsinen — nach Hause. Butter war sonst sehr knapp. So gab es an diesem Sonntagnachmittag eine größere Portion. Sie wurde für jeden genau abgemessen. Meine größere Schwester, die Hunger hatte, bestrich sich vier Scheiben Brot mit ihrer Portion. Wir beiden jüngeren aßen nur eine Scheibe, die aber dick mit Butter bestrichen. Um die große Familie zu ernähren, hatten wir ein Schwein, Kaninchen und Hühner und im Keller sogar einen Stall für ein Schaf.“

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