Neuschönningstedt im Strudel der Zeit

Regina Litzba wohnt seit 1960 in Neuschönningstedt. Sie hat also die Entwicklung des Ortes über eine lange Zeit verfolgt. Sie erzählt, was sich dort — vor allem im Teil südlich der Möllner Landstraße — getan hat:

Seit 1960, also in nun 53 Jahren, erlebe ich die Entwicklung des Ortsteils Neuschönningstedt zu einer ansehnlichen Siedlung, die aber, was die Versorgungslage betrifft, rückläufig ist.

Bei dem Rückblick auf diese Entwicklung will ich mich vorwiegend auf den Teil südlich der Möllner Landstraße beschränken.

Vor meiner Zeit entstanden bereits die ‚weiße, rote und schwarze Siedlung’. Dazu kommen noch die Gebäude an der Möllner Landstraße und im Oher Weg, sowie an der Haidkrug Chaussee. Zu der Zeit war der Haidkoppelweg die Grenze zu Glinde, d.h.: diese Straße gehörte zur Gemeinde Glinde. Erst im Jahre 1974 wurden durch die kommunale Neuordnung neue Grenzen gezogen: der Haidkoppelweg kam zu Neuschönningstedt, die K 80 wurde Grenze zu Glinde.

Ich erinnere mich noch genau an ein Ehepaar mit drei Söhnen, die auf dem Rechtsweg die Einschulung ihrer Kinder nach Neuschönningstedt erstritten und damit den Weg auch für alle nachfolgenden Kinder aus dem Haidkoppelweg frei machten. Diese hätten sonst den weiten Weg zur Grundschule Tannenweg in Glinde machen müssen. Nach 1974 war das kein Thema mehr.

Neuschönningstedt im Wachstum

In der Zeit von 1960–1964 gab es eine rasante Entwicklung. Wenn ich aus einem der oberen Klassenzimmer der Grund- und Hauptschule schaute, ging mein Blick Richtung Süden zur Haidkrug Chaussee, davor auf eine ausgeräumte, tiefe Kieskuhle. rechts davon waren Bauhandwerker damit beschäftigt, sechs Wohnblocks hochzuziehen. Jeden Tag kamen große Lastwagen, schwer beladen mit Bauschutt aus Hamburg, um die Kieskuhle zu füllen. In Hamburg wurde nämlich gerade das U-Bahnnetz erweitert.

Es dauerte nicht allzu lange, da wurde das Gelände planiert und zu einem schönen Sportplatz mit Laufbahn, Sprunggrube und Nebenplätzen umgestaltet.1964 war die feierliche Eröffnung durch die Bürgermeisterin Frau Gertrud Lege.

Anschließend fand ein Freundschaftsspiel des FC Voran Ohe statt. Dieser Verein hat seitdem das Recht, den Sportplatz und die später gebaute Turnhalle zu nutzen. Diese wurde quer zum Sportplatz am Querweg errichtet.

Auch die Grund- und Hauptschule hatte sich baulich vergrößert und um einige Klassen zugenommen. Das kam durch den Bezug der fertig gestellten Wohnblocks in der Königsberger Straße. Besonders interessant war der Block auf der ungeraden Seite mit den drei Eingängen, denn dieser war mit Hilfe von Zuschüssen der Bundeswehr erbaut worden. Die neuen Bewohner konnten nun die Bunker des Muni-Lagers in den Oher Tannen verlassen und geräumige Wohnungen mit viel Licht beziehen.

Blick aus dem Dachgeschoss Königsberger Straße 17 Richtung Möllner Landstraße und Haidkoppelweg. Foto: Regine Litzba.

Auf dem Foto ist gut zu erkennen, wie weit der Blick reichte. Heute befinden sich auf diesem Gebiet die Straßen Samlandweg, Schweriner Weg, die Verlängerung des Kirschenweges mit Insterburger Weg und das Neubaugebiet Allensteiner Weg. Die Königsberger Straße war aber erst zur Hälfte fertig gestellt. Sie endete dort, wo heute die Verkehrsampel steht. Die damals noch genannte Danziger Straße — heute Stettiner Straße — war eine Art Baugrenze. Das änderte sich, als 1963/64 das Einkaufszentrum entstand. Die Königsberger Straße wurde bis zur Möllner Landstraße weiter geführt, und es entstanden nach und nach auf beiden Seiten neue Wohnblocks. Das Einkaufszentrum und die Anfänge der evangelischen Kirchengemeinde führten dazu, dass hier ein kleiner Markt entstand, der bis heute erhalten geblieben ist. Ja, seit einigen Jahren gibt es regelmäßig einen kleinen Wochenmarkt, der auch gut besucht wird.

Nahversorgung in Neuschönningstedt

Die Versorgungslage der Bewohner Neuschönningstedts war optimal. Es gab allein sieben Lebensmittelgeschäfte, dazu zwei Schlachter, zwei Bäcker, einen Fischhändler, zwei Geschäfte für Haushaltswaren, zwei Drogerien, eine Apotheke, eine Bank, eine Sparkasse, zwei Schreibwaren- und Zeitschriftenläden und eine Tankstelle. Ganz wichtig war die Poststelle im Rosenweg mit eigener Postleitzahl.

Ladenzeile in der Königsberger Straße. Foto: Gisela Manzel.

Die Gebäude der Schule nahmen zu, es entstanden eine richtige Kirche und auf Wunsch der Bevölkerung eine Begegnungsstätte, geschaffen für Jung und Alt.

Hinzu kam ein besonderes wöchentliches Angebot. Jeden Freitagvormittag bimmelte sich die Fischfrau durch die Straßen Neuschönningstedts, immer schon erwartet von den vielen Hausfrauen. Auch mein Kater kam auf die Art jede Woche zu einem frischen Hering, damals noch das Stück für 30 Pfennige.

Einmal pro Woche wurde lose Milch geliefert. Wenn die Glocke klingelte, öffneten sich die Haustüren und heraus kamen meist Kinder mit Milchkannen und rannten zum Milchwagen.

Der Bauboom hört nicht auf

Inzwischen hatte sich die Einwohnerzahl Neuschönningstedts fast verdoppelt. Es entstanden große Wohnblocks, viele Einfamilienhäuser; neue Straßen und Wege kamen dazu. Allein südlich des Oher Weges begann ein reges Bautreiben: Gorch-Fock-Straße, Emil-Nolde-Straße, Hans-Geiger-Straße, Matthias-Claudius-Straße und Carl-Hermann-Straße wurden angelegt und zügig mit vorwiegend Einfamilienhäusern bebaut.

Eine neue Verkehrsverbindung zwischen Bergedorf — Reinbek und der Autobahn 24 musste her. So entstand die K 80, die nach der kommunalen Neuordnung 1974 zur Gemeindegrenze wurde, ebenso die neu errichtete Autobahn 24, die sich zwischen Stemwarde — Barsbüttel und Neuschönningstedt schob und dadurch zu einer Neugestaltung der Gemeindefläche führte

Mehr Wohnraum verändert das Gesicht des Ortes

Bis Anfang der 1980er Jahre boomte das Leben in Neuschönningstedt, doch danach gab es einen Knacks. Immer mehr Geschäfte gaben auf. Die Volksbank verschwand, die Gaststätte „Haidkrug“ wurde abgerissen und stattdessen ein Wohnblock errichtet und die Stichstraße „Am Haidkrug“ mit Eigenheimen bebaut.

Nach der Vereinigung der beiden deutschen Staaten 1989 erhielt Neuschönningstedt mit Reinbek zusammen 1990 eine fünfstellige, neue Postleitzahl, die bis heute gilt; die dazu gehörige Poststelle ist jedoch zu einer kleinen Ecke in einem Geschäft am Grenzweg geschrumpft. Die Poststelle am Rosenweg hatte eine schöne, neue Bleibe mit zwei Schaltern neben der Apotheke an der Möllner Landstraße gefunden. Eine Bank oder Sparkasse gibt es nicht mehr, auch kein einziges Lebensmittelgeschäft, nur noch einen Schlachter, eine Drogerie, zwei Zeitschriftenläden und ein Haushaltswarengeschäft, dafür aber zwei Reisebüros und vier Friseure. Auch die Apotheke ist uns erhalten geblieben und ein Blumenladen. Anstelle der Sparkasse gibt es nun ein kleines Eck mit Geldautomat an der Möllner Landstraße.

Seit den 1980er Jahren tut sich auch in der „schwarzen Siedlung“ einiges. Die großen Grundstücke wurden und werden halbiert, so dass es jetzt eine dichtere Bebauung gibt. Das Gleiche kann man am Oher Weg beobachten.

Durch die Bevölkerungszunahme war die Neueinrichtung von Kindergärten erforderlich, und auch die Zahl der Schüler der Gertrud-Lege-Schule wuchs. Eine zweite Turnhalle wurde nötig und vor die alte in Richtung Sportplatz gesetzt. Heute ist auch die Grund- und Hauptschule geschrumpft.

Es gibt nur noch eine Grundschule mit Hort und Nachmittagsangebot. Die Stadtteilbücherei, die einst ein Kollege von mir aufgebaut hatte, ist ebenfalls verschwunden.

Trotz aller dieser Rückschritte steht das Leben in Neuschönningstedt nicht still. Die Gethsemane-Kirche und die Begegnungsstätte bieten das Jahr über ein vielseitiges Programm sowohl für die Jüngeren, als auch für die Älteren.“