Damals in Hinschendorf

Seit dem Jahre 1937 wohnt Frau Eva Schütze in Hinschendorf, zusammen mit ihrer Schwester und deren Familie, in einem schmucken Haus, das seinerzeit ihre Eltern, Herr und Frau Lukacic, dort errichteten. Was sie dort erlebte, erzählt sie Gudrun Schmidt:

Ganze zwei Mark musste man damals für den Quadratmeter Bauland „berappen“ — kein Wunder, dass die Grundstücke, auf denen — damals noch relativ wenige — „feste“ Häuser entstanden, alle recht groß waren. Grund und Boden zwischen den errichteten Einfamilienhäusern waren oft mit einer Art Gartenhäuschen bebaut. „Laubenpieper“ nannten die „Ureinwohner“ deren Besitzer, die regulär meist in Hamburg wohnten.

Nicht nur der günstige Grundstückspreis, auch die schöne Lage führte mit zur Entscheidung, dort zu bauen: Das Haus der Familie Lucacic war umgeben von Feldern des Schaumannschen Gutes — meist wogende Kornfelder zu Sommerszeiten. Dazu bildeten schöne alte Bäume eine grüne Oase. In den Anfangsjahren gab es noch keinerlei Kanalisation dort, doch für Abhilfe sorgte der Gutsherr. Er erlaubte — nicht ganz uneigennützig — den Bewohnern, ihre Abwässer durch Rohre auf seine Felder zu leiten — so wurden diese gleichzeitig gedüngt und bewässert!

Ein kinderreicher Stadtteil

Damals gab es nur wenige feste Häuser, aber viele Kinder jeden Alters“, erzählt Frau Schütze. Die Umgebung war ein einziger großer Spielplatz: die Feldwege, die unbefestigte Straße, der Höhenzug Klosterbergen, die Bille, der Krähenwald, der so hieß, weil Unmengen von Krähen dort „siedelten“. Autos hatte noch kaum jemand, also konnten die Kinder unbeschwert spielen: Ringelreihe, Meyersche Brücke, Kippel-Kappel, Tauspringen („Teddybär, Teddybär…“) und vieles andere — vor allem aber Völkerball, stundenlang. An dem Lärm, der dabei herrschte, störte sich keiner — man war ja meist weit genug entfernt von Haus oder Garten.

Das Spielgelände erstreckte sich bis zum Krähenwald. „Der war damals ein wunderschöner Buchenwald“, schwärmt Frau Schütze. Er wirkte — vor allem während des Krieges und in der unmittelbaren Nachkriegszeit — immer wie aufgeräumt, da Heizmaterial äußerst knapp war, aber dringend benötigt wurde. Jedes Zweiglein, jedes Ästchen wurde sorgfältigst entfernt, kein winziges Stück Holz war zu finden. „Nach jedem Sturm“, so erzählt Frau Schütze, „kamen die Bergedorfer und vor allem die Lohbrügger, um zu sammeln und ‘wegzufinden’. Dadurch konnten sich im Frühjahr auf dem Waldboden riesige Teppiche von Buschwindröschen und Maiglöckchen ungestört ausbreiten!“

Wie überall zu jener Zeit waren die Kinder relativ frei in ihrem Spieldrang, sich in der Natur auszutoben. Die Mütter waren in Haus und Garten beschäftigt, vor allem in der Kriegs- und Nachkriegszeit, während der die Männer nicht da waren. Frau Schütze: „Unsere Mütter liefen das ganze Jahr über in Kittelschürzen herum“. Sie hatten ja alle Hände voll zu tun, mit den großen Gärten, der Nahrungsbeschaffung und Konservierung und ohne all die technischen Hilfsmittel von heute, wie Kühlschrank, Gefriertruhe, Waschmaschine, Geschirrspüler. Auch kleinere Reparaturen mussten von den Frauen selbst bewältigt werden. „Zum Glück gab es in unserer Nachbarschaft einen ‘Opa vom Dienst’ “, erinnert sich Frau Schütze. Er gehörte zur Familie Randau, die sieben Kinder hatte. Als einziger Mann weit und breit wurde er von all den „grünen Witwen“ rundum gern zu kleinen Hilfsarbeiten herangezogen. Als „Bezahlung“ gab es dann eine Tasse des damals noch recht kostbaren Bohnenkaffees.

Nicht immer einfach — Einkaufen in Hinschendorf

Nicht ganz einfach für die Altvorderen Hinschendorfs war das Einkaufen. Das heute so bequem erreichbare EKZ lag noch in weiter, weiter Ferne — so etwas gab es überhaupt noch nicht in Deutschland. Stattdessen fuhr durch Hinschendorf regelmäßig ein Brotwagen und freitags kam aus Lohbrügge der Fischwagen. Milchprodukte bekam man in einem Milchgeschäft im Kreutzkamp, wo man auch seine Buttermarken einlösen konnte. Die Butter wurde lose verkauft, musste also abgewogen werden. Die Inhaber waren ganz reelle Leute, die nie versuchten, jemanden zu beschummeln. Wenn man Marken für 125 Gramm abgab, konnte man sicher sein, weder 124 noch 126 Gramm zu erhalten! Das dauerte natürlich seine Zeit, man musste meist ziemlich lange warten, bevor man bedient wurde. Dabei war es vor allem im Winter immer eisig kalt in dem Geschäft. Die Inhaberin hatte regelrecht Frostbeulen an den Händen — so erinnert sich Frau Schütze — trotz der Wollhandschuhe, deren Fingerkuppen abgeschnitten waren, um die Hände beweglich, sozusagen „fingerfertig“ zu halten.

Gegenüber dem Molkereiwarengeschäft — nach dem Krieg wurden dort auch wieder Sahne und Käse verkauft — gab es eine kleine Gärtnerei mit einem Blumenladen. Die hat sich lange gehalten — selbst während des Krieges und in der Nachkriegszeit konnte man immer Blumen und auch Pflanzen für den Garten erhalten, denn alles, was dort verkauft wurde, war selbst gezogen. Frau Schütze erinnert sich vor allem an die Geranien aus eigener Züchtung.

Und: Im Wittenkamp gab es immerhin ein Geschäft, an dessen zwei Schaufenstern sich die kleine Eva oft „die Nase plattdrückte“. Spielsachen waren da ausgestellt, auch Schreibwaren. Keine großartigen Sachen. Aber auch an kleinen Dingen konnte man sich damals mächtig freuen — und Wünsche aufkommen lassen, deren Erfüllung keineswegs selbstverständlich war. Schon gar nicht sofort! Aber an Geburtstagen und Weihnachten, da bestand immerhin eine geringe Hoffnung!

Später konnte man in dem Geschäft auch einfache Kleidungsstücke kaufen — Socken, Oberhemden, Krawatten und Kinderkleidung. Zu der Zeit hatte dann Frau Schütze selbst bereits Mann und Sohn, die dort gelegentlich ausgestattet wurden. Als ihr Sohn 6–8 Jahre alt war, schickte sie ihn einfach dorthin, wenn er, zum Beispiel, eine neue Hose brauchte. Er suchte sich dann selbst eine aus, probierte sie an, nahm sie mit, wenn sie passte und gefiel — und Mutter zahlte später. Man kannte sich schließlich!

Als Frau Schütze selbst noch ein Kind war, musste man für größere Einkäufe entweder nach Reinbek hinunter oder nach Bergedorf bzw. Lohbrügge gehen, und zwar „gehen“ im wahren Sinne des Wortes, denn Busse gab es damals noch nicht und ein Fahrrad besaß längst nicht jeder. Auch zum Bahnhof gingen die Leute, die in Hamburg arbeiteten — und das waren damals schon viele — durch die Felder und durch den Wald zu Fuß — wie auch die Schulkinder zur Volksschule, dem heutigen VHS-Gebäude.

Gut Hinschendorf (1930).

Die Kinder allerdings kürzten diesen Weg häufig ab, indem sie den Weg durch das Gut Schaumann nahmen. Sie benutzten einfach dessen Privatwege, die eigentlich nicht für den öffentlichen Gebrauch gedacht waren. Doch der Gutsherr drückte schon mal ein Auge zu. Mehr Angst hatten die Kinder vor den beiden Doggen — oder auch vor den Gänsen, die ihnen gern gefährlich schnatternd hinterherliefen. Dann waren sie froh, wenn sie aus dem ummauerten Gelände wieder heraus waren. Dieser Schulweg konnte durchaus schon als Teil des Schulsports betrachtet werden — es ging ja zuerst mal bergab, zur Hamburger Straße, die damals noch mit Kopfsteinpflaster bedeckt war, auf dem man im Winter herrlich glitschen konnte. Dann ging es wieder hoch zur Klosterbergenstraße, einer Art Fußweg zum Friedhof und zum Gutshof. Von dort aus war es dann nur noch ein Katzensprung bis zum Schulgebäude.

Hinschendorf im Winter

Besonders gern denkt Frau Schütze an die Winter zurück, die damals viel schneereicher gewesen seien als die heutigen. Im Klosterbergengebiet, aber auch an der Hexentreppe, an der Eisenbahnbrücke, gab es jede Menge Rodelbahnen — harmlose, aber auch regelrecht gefährliche, weil steil, baumbestanden und natürlich nicht wirklich gebahnt, sondern eher zur Bahn ernannt. Selbst eine „Todesbahn“ gab es — aber wirklich passiert ist eigentlich nie etwas.

Eine lustige Begebenheit erinnert Frau Schütze noch heute: Ihre Mutter musste eines Tages im Winter, bei Schnee und Eis, zum Bahnhof laufen. Die Wege dorthin wurden ja von den Kindern gern zum Rodeln benutzt und waren deshalb immer recht glatt, — auch wenn sie häufig von verärgerten Fußgängern bestreut wurden — , die Kinder „reparierten“ sie immer schnell wieder mit Schnee. Mutter Lukacic wollte kein Risiko eingehen, hatte es aber wohl auch eilig. Deshalb verhandelte sie mit einem dort zufällig rodelnden Jungen — für eine kleine Geldmünze sollte der ihr seinen Schlitten überlassen, für eine Fahrt bis hinunter zum E-Werk-Häuschen (diese Strecke wird auch heute noch gern befahren, wenn es denn wirklich mal wieder Schnee genug gibt!). Dort sollte er sich seinen Schlitten wieder abholen. Der Handel wurde dann auch getätigt und hat beide Seiten zufriedengestellt.

Heute sieht Hinschendorf etwas anders aus. Die Straßen sind asphaltiert und viel befahren; viele „Laubenpieper“ haben dort, nachdem sie ausgebombt wurden, feste Häuser errichtet. Viele Grundstücke sind doppelt bebaut, Baulücken existieren kaum noch. Aber es gibt wieder viele Kinder, und wenn Frau Schütze auch manchmal mit etwas Wehmut der alten Zeiten gedenkt, so lebt sie doch nach wie vor gern in Hinschendorf — und die Annehmlichkeiten der heutigen Zeit, Telefon, Auto, Kanalisation und Busverbindungen sind ja auch nicht zu verachten.

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