Kinderjahre in Ohe während des Zweiten Weltkrieges: Dorfalltag (1 / 4)

Lange Jahre war für Hermann Becker und andere Oher Kinder der Krieg weit weg. Er erzählt von Kinderspielen, dem eigenen Garten, Haustieren und –schlachtungen.

Meine Kindheitserinnerungen reichen bis in die Kriegsjahre zurück. Bis zu den Sommermonaten 1943 merkten wir Kinder in unserem Dorf noch verhältnismäßig wenig vom Kriegsgeschehen. Tagsüber trafen sich die Mädchen und Jungen aus der Nachbarschaft, um miteinander auf der Straße oder in den Gärten zu spielen. Häufig gingen wir zu einem Altenteiler, der in den Vormittagsstunden regelmäßig den Kuhstall ausmistete und baten ihn um Bindegarn, mit dem die Strohklappen zusammengehalten werden. Vor dem Verteilen der Streu wurden die durchgeschnittenen Bänder sorgsam aufgenommen, glattgestrichen und über einen Wandhaken gehängt, denn sie sollten noch einmal für andere Zwecke gebraucht werden. Und bevor Opa Hüttmann dann die Bänder herausrückte, fragte er jedes Mal, wozu wir diese dann gebrauchen wollten. ‚Wir wollen Pferd und Wagen spielen!’ war eine überzeugende Antwort und mit den mahnenden Worten: ‚Aber ihr dürft sie nicht wegwerfen!’ zählte er uns vier bis fünf Bänder in die Hände. Der älteste Junge knotete nun die Bandenden zur Pferdeleine zusammen, wozu die jüngeren meistens noch nicht in der Lage waren und versah anschließend die Leinenenden jeweils mit einer Schlinge, die sich das ‚Pferd’ über die Oberarme streifte. Fertig war ein Einspänner- beim Zweispänner fassten sich zwei Kinder an und nahmen einen Stock in die Mitte, der den Wagen symbolisierte. Der Kutscher gab dann mit lauter Stimme die Kommandos, wie die Kinder sie von den Erwachsenen gehört hatten. Um der Realität nachzueifern, entwickelten die Kinder nach etlichen Spielen aus der einfachen Pferdeleine die sogenannte Kreuzleine, mit der sich die Pferde im Spiel wie in der Wirklichkeit präzise lenken ließen.

Auf den Bauernhöfen kam für uns Kinder keine Langweile auf. Man konnte die Haustiere beobachten, beim Melken und Füttern der Kühe zusehen, das Hühnerfutter mit ausstreuen und beim Einsammeln der Eier helfen. Jedes Kind suchte sich ein Lieblingstier aus, dem es gern etwas Besonderes zu fressen zustecken wollte. Bestaunt wurden die Pferde, weil sie nach der Feldarbeit fast einen Eimer Wasser leersaufen konnten. Auch die Schweine, die oft zu laut schrien und schmatzten, erregten bei uns Kindern die Aufmerksamkeit, weil sie nur eine Ecke ihres Stalles als Toilette nutzten und somit Disziplin bewiesen. Die größte Zuneigung erhielten von uns die Hauskatzen und Hunde und nicht zu vergessen die Kaninchen, denen wir beim Fressen besonders lange zusehen mochten, weil sie ihre Lippen so ganz anders und schnell bewegten, wenn sie Stängel quasi in sich hineinzogen.

Eigene Gärten helfen

Ein weites Betätigungsfeld für die Kinder war in damaliger Zeit der häusliche Garten. In den meisten Familien hatten die Eltern ihren Kindern zum Säen und Pflanzen ein Beet zugewiesen. Was für die kleinen Kinder noch zum Spaß da war, wurde für die Eltern in der Kriegszeit zu einer lebensnotwendigen Angelegenheit, denn je länger der Zweite Weltkrieg andauerte desto mehr kam es darauf an, bei den rationierten Lebensmitteln die familiäre Versorgung zusätzlich durch Erzeugnisse aus dem eigenen Garten zu verbessern. So gab es zu damaliger Zeit nach amtlicher Einschätzung und Festlegung durch die Gemeindeverwaltung Selbstversorger, Halbselbstversorger und Normalverbraucher. Wir Kinder lernten so nebenbei, dass große Anbauflächen für die Zuteilung der Lebensmittelkarten von entscheidender Bedeutung waren. Selbstversorger waren die Familien, die über Ackerland verfügten, Vieles im eigenen Garten ernteten und außerdem noch Federvieh und ein Hausschwein halten konnten.

Hausschlachtung

Wenn Anfang November allmählich winterliche Temperaturen herrschten, war die Zeit gekommen, ein Schwein zu schlachten, wozu dann in Ohe der Hausschlachter Hinnik Becker bestellt wurde. Vorher beantragte man bei der Gemeindeverwaltung einen Schlachtschein, die Genehmigung, überhaupt ein Schwein zu schlachten zu dürfen. In Anwesenheit von Gustav Kramp, der amtlich bestellten Vertrauensperson, wurde das Schwein im Stall gewogen und anschließend mit einem Loch im Ohr gekennzeichnet. So sollte verhindert werden, dass das gewogene Schwein vor dem Schlachten vorteilhaft gegen ein größeres ausgetauscht werden konnte. Wenn das ausgeschlachtete Tier auf der Leiter hing, kam der amtliche Fleischbeschauer Willi Koop und stellte nach mikroskopischer Untersuchung fest, ob das Fleisch trichinenfrei war.

Stunden später, wenn das Fleisch an der Luft ausgekühlt war, kam der Hausschlachter wieder, um die Schweinehälften zu zerlegen. Die Schinken, Speckseiten, Nackenstücke und Karbonadenstränge wurden zum Pökeln mit sehr viel Salz schichtweise in eine Holztonne gelegt und nach mehreren Wochen in die Oher Räucherkate von Wilhelm Nohr gehängt, der für seine Räucherkunst in der Umgebung bekannt war. Aus dem übrigen Fleisch, dem Fett und den Innereien machten die Hausfrauen nach eigenen und überlieferten Rezepten Wurst, Schwarzsauer und Schmalz. Los ging es in der Regel mit der Herstellung von Mett- und Leberwürsten, wobei die überaus sorgfältig mit Alaun und Wasser gereinigten Därme mit Hilfe einer Wurstmaschine gestopft wurden. Die fertigen Mettwürste und die noch einmal in nahezu kochendem Wasser gegarten Leberwürste wurden über den warmen Küchenherd gehängt, um die Darmwände an der Luft zu trocknen. Erst danach durften die Würste in die Räucherkate gebracht werden. Neben der klassischen Methode wurde Leberwurst aber auch eingeweckt. Fleisch, das nicht gepökelt werden sollte, wurde ebenfalls in Weckgläsern oder in Konservendosen haltbar gemacht.

Wer ohne Erlaubnis der Gemeindeverwaltung ein Hausschwein schlachtete, galt als ‚Schwarzschlachter’ und musste bei Anzeige mit einer empfindlichen Gefängnisstrafe rechnen. Mit der strengen Bestrafung sollten die Menschen davon abgehalten werden, Fleisch gegen ebenfalls rationierte Lebensmittel und Mangelwaren zu tauschen oder illegal zu verkaufen, um sich persönliche Vorteile zu verschaffen, denn damit wäre die allgemeine Versorgungslage in Gefahr geraten, die ja gerade durch die Rationierung aller lebenswichtigen Waren gesichert werden sollte.“

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