Kinderjahre in Ohe während des Zweiten Weltkrieges: Von Mangelverwaltung und Erfindergeist (2 / 4)

Auch wenn der Krieg noch in weiter Ferne tobte, bekam Ohe doch erste Folgen zu spüren: durch Rationierungen von Tabak, Lebensmitteln, Bekleidung und vielem mehr. Doch man wusste sich mit Erfindergeist zu helfen. Hermann Becker erzählt:

Über die Raucherkarte konnte man Tabak, Zigaretten, Streichhölzer und sogar Seifen und Waschmittel erhalten, für Textilien gab es die Kleiderkarte und für dringend benötigte Schuhe musste ein Bezugsschein beantragt werden. Aber auch mit einem Bezugsschein in der Hand hatten die Eltern noch nicht die Garantie, im Schuhgeschäft ein Paar Kinderstiefel zu erhalten, denn allzu oft war der Lagerbestand erschöpft und die letzte Nachlieferung ließ immer noch auf sich warten. Wenn dann auch die Schuhe der älteren Geschwister noch zu groß waren, musste ein Ersatz her. Das waren Holzpantoffeln im Winter und im Sommer ‚Klapperlatschen’, Sandalen mit einer Holzsohle, deren Vorderteil sogar beweglich war. Die Holzsohlen waren bei uns Kindern sehr beliebt, weil man mit ihnen im Spiel wunderbar das Pferdegetrappel nachahmen konnte. Weniger beliebt und enttäuschend waren die hohen Kinderstiefel, die im neuen Zustand zwar gut aussahen aber den Anforderungen des Alltags nicht gewachsen waren. Bei Regenwetter und Schnee sog sich die aus Pappe gefertigte Brandsohle mit Wasser voll und ließ die angeklebte Gummilaufsohle abklappen, was immer einen großen Ärger nach sich zog. Um das zu vermeiden, ermahnten uns die Eltern immer wieder, mit diesen Schuhen nicht durch Pfützen zu gehen, in den nassen Wiesen von Bauer Eggers und Bauer Nachtigall oder im matschigen Müssenredder zu spielen. Bei feuchtem Wetter wurden wir deshalb vergattert, über diesen unglückseligen Stiefeln Überschuhe aus Gummi zu tragen, die das Wasser einigermaßen abhalten sollten. Aus Sicht der Kinder waren Überschuhe wegen ihres Druckknopfverschlusses nur in ganz flachem Wasser brauchbar und mit echten Gummistiefeln nicht zu vergleichen, die wir gern gehabt hätten — die aber gab es nicht — höchstens für Erwachsene als Arbeitsstiefel beim Mistfahren.

Die selbstgebaute Flöte

Für die Oher Dorfkinder war die Knicklandschaft ein paradiesischer Lebensraum, der viele Voraussetzungen bot, sich kreativ zu beschäftigen. Im Knick wuchsen die schlanken Haselnussstöcke, aus denen wunderbare Spazierstöcke mit den schönsten Rindenschnitzereien entstanden. Dazu brauchten wir natürlich ein Messer und das war in der Regel Mutters Kartoffelschälmesser, das sie nicht gern herausgab. Um unabhängig zu werden, wünschte es sich jeder Junge, möglichst bald ein eigenes Taschenmesser zu besitzen. Damit war er auch bestens darauf vorbereitet, die Stöcke für das Kippelkappelspiel zu schneiden und das dazugehörige Flugholz an beiden Enden anzuspitzen. Im Frühling, wenn der Saft in den Bäumen stieg, war es im Dorf üblich, aus einem glatten geraden Stück Weidenast eine Flöte herzustellen. Dazu wurde das dünnere Ende als Mundstück schräg zugeschnitten, das Flötenloch mit einem Kerbschnitt an der richtigen Stelle platziert. Anschließend legte man mit zwei parallelen Rundschnitten die endgültige Flötenlänge fest, indem der Rindenring zwischen den Parallelschnitten vom Astholz gelöst wurde. Jetzt musste die Flötenrinde mit einer Drehbewegung vom Astholz gezogen werden, doch das gelang meistens nur, wenn man die Rinde vorher rundum mit dem Messergriff vorsichtig beklopft hatte. Dann schnitt man das Mundstück an der Kerbe vom Astholz ab, flachte die Mundstücksrundung für die Luftbahn an der längsten Seite ab und setzte die beiden Teile zum ersten Probepfiff zusammen. Gelegentlich kam es vor, dass einige Kinder darüber nachdachten, wie sich ihre Weidenflöten noch vervollkommnen ließen, und erlebten dabei, wie gern sich die Erwachsenen in solche Überlegungen einmischten, denn auch sie hatten im Flötenbau traditionsgemäß viele eigene Erfahrungen gesammelt und konnten gut mitreden. Wie lässt sich die Tonhöhe verändern? Was bringen zusätzliche Tonlöcher?“

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