Die Eisenbahn in Reinbek

Jahrhundertelang lag Reinbek eher abseits der großen Wirtschaftswege. Das änderte sich, als die Eisenbahn nach Reinbek kam. Wie das geschah, erzählen Rolf Matzke und Eckart Bünning.

Mit der Erfindung der Dampfmaschine begann im 19. Jahrhundert eine rasante wirtschaftliche Entwicklung; die ersten Eisenbahnlinien wurden in Deutschland gebaut. In Hamburg betrieben Politiker und Kaufleute den Bau einer Bahnverbindung nach Bergedorf und sahen vor, die Strecke nach Hannover oder Berlin zu verlängern. Mit den Ländern, durch die die Bahn hindurch geführt werden sollte, war zunächst keine Einigung über die Streckenführung zu erzielen. Die hohen dänischen Zolltarife ließen auch die Linienführung durch das Herzogtum Lauenburg nicht rentabel erscheinen. Man beschränkte sich zunächst auf die 14 km lange Strecke von Hamburg nach Bergedorf. Die ersten 4 Lokomotiven wurden von der englischen Firma Stephenson geliefert. Jede hatte eine Leistung von 162 bzw. 199 PS. Die Lokomotiven hatten noch keinen Führerstand, Lokomotivführer und Heizer waren ungeschützt der Witterung ausgesetzt. Am 16. Mai 1842 sollte die feierliche Eröffnung der Strecke stattfinden. Statt einer feierlichen Eröffnungsfahrt wurden viele der durch den großen Stadtbrand obdachlos gewordenen Hamburger nach Bergedorf gebracht.

Bereits 1840 waren Pläne zum weiteren Ausbau der Strecke bis Berlin im Gespräch. In einem Staatsvertrag einigten sich die betroffenen Länder über die Verrechnung der Transitzölle. 1843 erfolgte dann die Gründung der Berlin-Hamburger-Eisenbahngesellschaft. Die Strecke sollte zunächst durch das Elbtal führen. Die Geesthachter Schiffer und Fuhrleute wehrten sich dagegen, sie fürchteten um ihren Verdienst. Auch aus technischen Gründen wählte man wegen der geringeren Steigungen jedoch die Strecke über Reinbek und Büchen. Auf Reinbeker Gebiet mussten allerdings sechs gemauerte Bogenbrücken über die windungsreiche Bille gebaut werden. Für Reinbek war zunächst kein Anhaltepunkt geplant. Die Eingesessenen des Amtes und des Ortes Reinbek baten in einem Schreiben an die Allerhöchst ernannte Eisenbahn-Commission in Kopenhagen, dass ein Anhaltepunkt in Reinbek genehmigt werden möge. Dieser Bitte wurde stattgegeben und Reinbek erhielt einen Bahnhof.

Am 15. Oktober 1846 wurde die Eisenbahn eröffnet. Der erste Zug fuhr die 287 km lange zunächst eingleisige Strecke in 9 Stunden und 15 Minuten. Die Fahrzeit konnte bald auf 8 Stunden reduziert werden. Für Reisende der Abendzüge bestanden Übernachtungsmöglichkeiten in Wittenberge. Durchgehende Nachtzüge gab es erst ab 1853.

Die Eisenbahnverbindung zwischen Hamburg und Berlin wurde schnell zu einem Erfolg und entwickelte sich zu einer wichtigen Verkehrsstrecke von Hamburg über Berlin Richtung Osten. Bereits 1848 verkehrten täglich vier Personenzüge in jeder Richtung. Die Fahrt von Reinbek nach Hamburg dauerte eine gute halbe Stunde, mit der Pferdekutsche benötigte man fast einen halben Tag. Arbeiter konnten die Eisenbahn auf ihrem Weg zur Arbeit nach Hamburg noch nicht benutzen. Der erste Zug fuhr morgens um 7 Uhr, die Arbeitszeit begann meistens bereits um 6 Uhr in der Frühe.

Die Eisenbahn wurde sehr schnell auch für große Frachttransporte genutzt. Der Berliner Bahnhof in Hamburg hatte umfangreiche Anlagen für den Güterverkehr. Aufgrund der politischen Gegebenheit lagen alle benachbarten Stationen für Reinbek im Zollausland. Im Güterschuppen musste eigens ein Raum für die Zollabfertigung eingerichtet werden.

Karte des Bahnhofs von 1887. Die Karte ist — noch typisch für das 19. Jahrhundert — gesüdet.

Erste genauere Angaben über den Bahnhof findet man in einer Karte von 1887, der bisher ältesten bekannten Zeichnung. In dieser Karte sind viele Details dargestellt, sogar die einzelnen Petroleumlaternen. Der Zugang durch eine Treppe und einen Tunnel nach dem Aumühler Bahnsteig war noch nicht vorhanden. Man wurde vom Eisenbahnpersonal über die Gleise geführt. Eine Laderampe befand sich vor dem Sophienbad. Später, als die Ladestraße gebaut wurde, verlegte man die Rampe dorthin. Hier war nun Platz, um die Eisenbahnwaggons be- und entladen zu können. Ein durch Schranken gesicherter Bahnübergang stellte die Verbindung nach dem Ziegelkamp her. Auf dem Hamburger Bahnsteig befand sich ein Gepäckschuppen, und nebenan — etwa an der gleichen Stelle wie heute — waren die Retiraden (Toiletten). Das Bahnhofgebäude wurde später durch zwei Seitenflügel erweitert. In einem der Seitenflügel befand sich die Bahnhofsgaststätte. Die Bahnsteige waren überdacht. Sie wurden anfangs durch Petroleumlampen erleuchtet, die auf Masten installiert waren. Der Aumühler Bahnsteig bekam einen Zugang durch einen Tunnel, und das im Vorwerksbusch gelegene Stellwerk wurde gebaut.

Das Brückenstellwerk am Bahnhof Reinbek wurde 1932 errichtet. Ab 1933 verkehrte der „Fliegende Hamburger“ regelmäßig auf der Strecke Hamburg-Berlin, die er in 2 Stunden 18 Minuten zurücklegte. Er galt damals als der schnellste Reisezug der Welt. Die Hochgeschwindigkeitsstrecke diente auch als Versuchsstrecke für den „Schienenzeppelin“, der eine Geschwindigkeit von 230 km/h erreichte.

Mit der Inbetriebnahme der Eisenbahn setzte bald ein reger Ausflugsverkehr in das Gebiet um den Sachsenwald ein. Viele neue Ausflugslokale entstanden und trugen zur Entwicklung der Orte wesentlich bei.

Postkarte des Reinbeker Bahnhofs

Mehr als 100 Jahre hatte inzwischen der alte Bahnhof den Reinbekern gedient. Der Zahn der Zeit hatte am Gebäude genagt, und er war dem modernen Verkehr nicht mehr gewachsen. Die letzten Dampf- oder Dieselzüge im Vorortverkehr wurden am 1. Juni 1969 durch die elektrische S-Bahn ersetzt. Nun war Hamburg ohne Umsteigen in Bergedorf zu erreichen. Der Streckenabschnitt Hamburg- Bergedorf war bereits 1959 elektrifiziert worden.

Nach der Wiedervereinigung wurde der Ausbau der Strecke für den für ICE für erforderlich gehalten. Das so genannte Projekt „Deutsche Einheit Nr. 2, “Bahnstrecke Hamburg — Berlin“ wurde geplant und ist inzwischen ausgeführt.

Eine Trennung der S-Bahn von der Fernbahn zwischen Berliner Tor und Aumühle und die Elektrifizierung der gesamten Strecke wurde vorgenommen. Wegen der schwereren Elektrolokomotiven und der schnelleren Geschwindigkeit der Züge mussten Unterbau und Gleise erneuert werden. In Reinbek blieb die Fernbahn auf der alten Trasse. Für die S-Bahn wurde nördlich der Fernbahn eine neue Trasse geschaffen. Dazu mussten die Bahndämme und die Einschnitte im Vorwerksbusch und Forst Heidbergen verbreitert werden. Die bisher zur Güterabfertigung benutzten Gleisanlagen wurden entfernt. Ebenfalls wurden zur Billequerung zusätzliche Brücken für die S-Bahn gebaut. In den Wohngebieten wurden umfangreiche Schallschutzwände errichtet. Im Zuge des Bahnausbaues erhielt Reinbek auch einen neuen Bahnhof. Die Fahrzeit nach Hamburg beträgt nun mit der neuen S-Bahn 21 Minuten.

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