Erinnerung an schlimme Zeiten

In jungen Jahren stieß Hans-Peter Bünger beim Graben hinter dem Haus seiner Familie auf Knochen. Von welchem Verbrechen sie zeugten und was sein Onkel Ernst damit zu tun hatte, erzählt er in der folgenden Geschichte.

Es war Anfang der 50er Jahre und ich war um die 13–14 Jahre alt. Mein Vater hatte mir den Auftrag erteilt, hinter unserem Haus eine möglichst tiefe Grube auszuheben. In dieser Grube sollten Glasbruch Schrott und sonstige Abfälle vergraben werden, wie das damals so üblich war. Über Umweltschutz hat man damals noch nicht nachgedacht.

So etwa zwei Spaten tief stieß ich auf Widerstand und etwas später hatte ich große Knochen freigelegt. Nicht gerade wenige waren da zu Tage getreten. Ich rief meine Mutter, denn Vater war zur ‚Schicht’. Etwas aufgeregt kam sie zur Fundstelle und sagte: ‚Oh Gott’ und wandte sich etwas ab. Dann erzählte sie: ‚Das erinnert mich an schlimme Zeiten und wenn ich darüber nachdenke, fange ich noch heute vor Angst an zu zittern. Vielleicht erinnerst du dich an die letzten Kriegsmonate und die Zeit danach. Du warst zwar erst knapp sechs Jahre alt, aber einiges hast du ja auch mitbekommen. Ab und zu habe ich euch im Kinderzimmer eingeschlossen und euch darum gebeten, auf keinen Fall das Licht anzumachen.’

Ich erinnerte mich auch an die Geräusche, die uns an solchen Abenden und in den folgenden Nächten unheimlich waren. An einigen Abenden habe ich auch mitbekommen, dass kurz bevor wir in unser Zimmer mussten, einer von Vaters Brüdern aufgetaucht war und geheimnisvolle Bemerkungen und Zeichen machte. Mutter bekam dann immer das große Zittern.

Und dann erzählte sie:

In solchen Nächten brachte Onkel Ernst, oft in Uniform, ein Schaf, häufig auch ein Rind in unseren Stall. Diese Tiere mussten sofort geschlachtet werden, und das möglichst geräuschlos. So ganz ruhig ging das meist nicht ab und Nachbarn, die etwas gehört hatten, waren froh über ein Stück Fleisch, mit dem sie ruhig gestellt wurden. Die ganze Nacht über wurde gearbeitet und das Fleisch an Familienmitglieder verteilt, die in erreichbarer Nähe wohnten. In der Regel hatten wir am nächsten Tag viel Besuch und die Besucher gingen alle mit einem Paket wieder nach Hause.

Je mehr Besucher fortgingen, desto ruhiger wurde ich. Einigermaßen vorbei war die Angst aber erst, wenn auch die verräterischen Knochen und das Fell der Tiere verschwunden waren. Die vergrub Vater dann am nächsten Tag.’

Woher die Tiere kamen, wussten die Eltern nicht; auch nicht wann Onkel Ernst mal wieder auftauchen würde. Nur, dass es sich um gestohlene Tiere gehandelt hat, war jedem klar. Weil erwischte Täter damals mit der Todesstrafe bedroht waren, war die Angst meiner Mutter verständlich, zumal das auf diese Weise beschaffte Fleisch für unsere eigene Familie nicht unbedingt überlebenswichtig war. Wir hatten viele Kleintiere, mehr als zulässig bzw. gemeldet waren. In jenen Tagen musste auch die Anzahl der Kleintiere angegeben werden, und die Bestände wurden bei so genannten Viehzählungen kontrolliert. Überzählige Tiere mussten für die Volksernährung abgegeben werden, wenn sie schlachtreif waren. Wenn Zählungen anstanden, wurden unsere überzähligen Kaninchen oder Hühner in einen besonderen Verschlag unter unserem Haus gebracht.

Vielen aus der großen Verwandtschaft haben die Aktionen von Onkel Ernst und unser illegaler Tierbestand geholfen, über die Hungerjahre hinweg zu kommen. Und da unser Haus in Bramfeld am Stadtrand lag, und wir neben dem Haus auch einen Stall hatten, war das für ihn eine ideale Anlaufstelle. In späteren Jahren wurden in der Familie die Schlagfertigkeit und die Kaltschnäuzigkeit des Onkels kolportiert. Man erzählte sich, dass ihn eines Tages ein Ordnungshüter angehalten und nach den erforderlichen Papieren für die Kuh gefragt hat, die er an einem Strick hinter sich herzog. ‚Oh Mann,’ sagte er, ‚die hab ich da hinten auf dem Hof vergessen. Ich hole die mal eben, halten Sie bitte solange die Kuh fest.’ “

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