Kindheit in Reinbek

Hans Fischer, geboren 1919, erzählt von allerlei Bubenstreichen, kostenfreier Schokolade und dem Reinbeker Schützenfest.

Das muss so in den zwanziger Jahren gewesen sein, als noch nicht alles und jedes bis in die letzten Einzelheiten geregelt war. Damals fing bei uns Sylvester nach dem 2. Weihnachtstag an. Klimmek hatte seine Drogerie zwischen der alten und neuen Bäckerei Vollrath, neben Frisör Lübbers, dort, wo später Hinz seinen Plünnenladen hatte. Wenn da der Verkauf von Knallzeug begann, dann war Sylvester. Das Schaufenster war mit Luftschlangen dekoriert und reizte zum Kauf. Die Schaufenster hatten innen Schwitzwasserrinnen mit 2 oder 3 Bleiröhrchen, durch die das Wasser nach außen ablaufen konnte. Im Laden standen unterhalb des Fensters Kanister und Kannen mit Waschbenzin, Petroleum, Terpentin und u.ä.

Jungs sind erfinderisch. Einer der Großen hatte eine Idee. Er steckte einen sprühenden Schwärmer in eines der kleinen Bleiröhrchen. Im Schaufenster gab es ein tolles Feuerwerk. Wir anderen Jungs standen alle auf der anderen Straßenseite bei Schlachter Troll und hatten damit natürlich überhaupt nichts zu tun.

Und dann erschien die Obrigkeit, der wir sonst immer weit aus dem Wege gingen: die Reinbeker Polizisten Jessel und Jarchow. Zack, waren die Großen verschwunden! Wir Kleinen hatten alle ein reines Gewissen. ‚Wie heißt Du? Wer war das?’ — ‚Keine Ahnung!’ Es gab noch Nachfragen in der Schule, aber soweit ich weiß, ist diese Begebenheit unter ‚ungelöste Fälle’ abgelegt worden.

In Reinbek gab es in den 20er und 30er Jahren den Maurermeister Bleus. Der wohnte in der Schönningstedter Straße. Heute gehört das Haus Hannchen Timm, früher Wirtin von der ‚Schmiede’. Bleus baute damals ans Haus einen kleinen Lebensmittelladen mit dem dazu gehörenden Treppenaufgang an. Rechts und links von dieser Treppe montierte er je einen kleinen Automaten. Wenn man oben Geld reinsteckte, kam unten Schokolade raus, also alles ganz normal.

Jeden Morgen und jeden Mittag, auf dem Weg zur oder von der Schule, musste Prahlsdorfs heranwachsende Jugend an diesen neuen, aufreizend gelb lackierten Automaten vorbei. Automaten gab es noch nicht so häufig, also Grund genug, sich damit ernsthaft zu beschäftigen. Einer fand dann auch bald die Lösung des Problems: Steckte man oben Geld rein, kam unten Schokolade raus. Klopfte man aber mit der Hacke unter den Automaten, dann kam unten Schokolade und Geld heraus! Das war für damalige Insider die vorweggenommene Erfindung der Selbstbedienung.

Irgendwann fiel dem Maurermeister natürlich auf: die Automaten immer leer und fast nie Geld drinnen? Er legte sich auf die Lauer und hatte Erfolg. Drei Knaben wurden geschnappt und an die Schule gemeldet. Mit Hilfe des parat liegenden Rohrstocks wurde weiter ermittelt und der Täterkreis erheblich erweitert. Das Ende vom Lied? Alle mussten sich mit Namensnennung bei Herrn Bleus entschuldigen und sich dieses schriftlich bestätigen lassen und das Schriftstück in der Schule abgeben. Herr Bleus war mit dem Herstellen der Entschuldigungen rund 2 Stunden beschäftigt.

In der Schönningstedter Straße wohnte Heinrich Schulz, ein ortsbekannter Gärtnermeister mit einem tollen Rauschebart und deshalb nannten wir Kinder ihn auch ‚Haarich’. Er sah hervorragend aus und war bei uns zu Haus auch immer der Weihnachtsmann. Wo heute der Jahnckeweg ist, waren früher Schrebergärten und später ein Sportplatz, wo im Sommer Handball- Fußball- und Faustballspiele stattfanden. Seine Gärten hatte Herr Schulz zu diesem Gelände mit einer Lebensbaumhecke abgegrenzt. Interessant wurde es für uns erst hinter dieser Hecke. Da standen seine Obstbäume und Erdbeeren. Über Ertrag und Reifegrad waren wir immer im Bilde. Wenn er uns erwischte, war er nicht zimperlich, aber zu Hause beschwert hat sich keiner von uns.

Und dann das Schützenfest! Zu damaliger Zeit war es das Ereignis des Jahres. Worauf man sich bis in die letzten Jahre des Festes mit ziemlicher Sicherheit verlassen konnte, das war das Regenwetter. Damals gab es so gut wie keine Autos, die Wohn- und Gerätewagen der Schausteller kamen mit der Deutschen Reichsbahn auf dem Reinbeker Güterbahnhof an und wurden per Gespann in die Loddenallee transportiert. Das Tal war damals ein ganz normaler Waldweg, und nur die Einfahrt von der Hamburger Straße aus war ungefähr 25 m mit Kopfsteinen gepflastert. Je nach Wetterlage war hier für Normalbespannung Schluß. Die Wagen saßen bis an die Achsen fest. Die Firma Hans Puls hatte dann meisten schon 4 oder 6 Gäule im Tal und wenn das nicht reichte, kam Lohmeier mit seinen schweren Belgiern zur Hilfe. Mindesten 8-spännig wurden die Wagen mit viel Geschrei und Peitschenknallen durch die Loddenallee gejagt. Das war was für uns Jungs. Jeden Tag nach der Schule — ab ins Schützental. Das Leben in den Wohnwagen erinnerte uns an Zigeuner und kam uns exotisch oder wenigstens ungewöhnlich, aber sehr interessant vor.“

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